«Wir haben unseren Sohn verloren», erzählt Daw Kyi*, «er wurde von den Soldaten umgebracht, als sie uns aus unserem Dorf in Myanmar vertrieben haben.» Die alte Frau ist schlecht auf den Beinen, die Flucht nach Bangladesch muss für sie sehr beschwerlich gewesen sein. Hier lebt sie nun mit ihrem Mann im Flüchtlingscamp in Cox’s Bazar, im Süden von Bangladesch. Im Camp haben die Flüchtlinge Zugang zum Nötigsten: sauberes Trinkwasser, bescheidenes Essen, Latrinen und Gesundheitsversorgung.

Sie zeigt uns ihre Unterkunft, gebaut von Solidar Suisse. Sie ist einfach, bietet jedoch Schutz vor Sonne, Wind und Regen. Der Monsun hat die Wege im Flüchtlingscamp aufgeweicht, der Schlamm klebt an Füssen und Schuhen. «Bei jedem Schritt drohen wir im Schlamm auszurutschen», meint die alte Frau. Viele Unterkünfte stehen an steilen, erdrutschgefährdeten Hängen, sie müssen gegen die Wirbelstürme stabilisiert und die sanitären Anlagen erweitert werden.

Besonders schwierig ist die Situation für Frauen. Weil sie die weitverbreitete Gewalt im Camp fürchten, verlassen sie ihre Hütten kaum. Inzwischen wurden «Woman and child friendly spaces» eingerichtet, wo sie sich treffen und austauschen können. Hier werden diverse Beratungen und psychologische Hilfe angeboten – und von Frauen jeden Alters rege besucht. Viele haben auf der Flucht Schreckliches erlebt.

Spannungen vermeiden

Zu Beginn der humanitären Krise nahmen die Einheimischen die Flüchtlinge freundlich auf, inzwischen gibt es jedoch Spannungen. Denn viele BewohnerInnen von Cox’s Bazar leben selber in prekären Verhältnissen. Ihre Häuser sind kaum komfortabler als die rudimentären Unterkünfte im Camp. Sie kochen mit Brennholz, das sie in den umliegenden Wäldern finden. Doch mit der Ankunft von mehr als 700 000 Flüchtlingen wurden die umliegenden Wälder in kürzester Zeit abgeholzt, was das Holz stark verteuert hat.

Einheimische berichten, dass das Lohnniveau wegen der «billigen Arbeitskräfte» aus Myanmar massiv gesunken sei. Denn in der Not suchen viele Flüchtlinge trotz Verbot eine Arbeit. “Wir sind zu einer Minderheit geworden», erzählt Khaleda Beguum* aus dem Dorf Paljong Khat, in dem 38 000 Menschen leben, neben einem Lager mit 655 000 Flüchtlingen. “Viele Lebensmittel sind doppelt so teuer wie vor der Krise. Oft können wir uns nur noch eine Mahlzeit am Tag leisten.”

  • In einer ersten Hilfsaktion hat Solidar für gut 2800 Flüchtlinge Unterkünfte und Latrinen erstellt und den Zugang zu sauberem Trinkwasser ermöglicht.
  • In der nächsten Phase unterstützen wir neben Flüchtlingen auch die einheimische Bevölkerung, um die Spannungen zu mindern und Verständnis und Toleranz zu fördern.
  • Solidar Suisse wird Frauen und Männer aus den umliegenden Gemeinden ausbilden und ihnen helfen, Geschäftsmodelle zu entwickeln und die Qualität ihrer Produkte zu steigern, damit sie neue KundInnen gewinnen und ihr Einkommen erhöhen können.

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