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News Lebenszeichen für Rohingya2018-11-26T09:53:20+00:00
Die Rohingya haben auf der Flucht häufig Schlimmes erlebt. Auch die einheimische Bevölkerung um die Flüchtlingslager in Bangladesh lebt unter prekären Bedingungen. Deshalb unterstützen wir mit der Partnerorganisation vor Ort Solidar Suisse Flüchtlinge und Einheimische.

«Wir haben unseren Sohn verloren», erzählt Daw Kyi*, «er wurde von den Soldaten umgebracht, als sie uns aus unserem Dorf in Myanmar vertrieben haben.» Die alte Frau ist schlecht auf den Beinen, die Flucht nach Bangladesch muss für sie beschwerlich gewesen sein. Hier lebt sie nun mit ihrem Mann im Flüchtlingscamp in Cox’s Bazar, im Süden von Bangladesch. Sie zeigt uns ihre Unterkunft. Sie ist einfach, bietet jedoch Schutz vor Sonne, Wind und Regen. Der Monsun hat die Wege im Flüchtlingscamp aufgeweicht, der Schlamm klebt an Füssen und Schuhen. «Bei jedem Schritt drohen wir im Schlamm auszurutschen», meint die alte Frau. Im Camp haben die Flüchtlinge Zugang zum Nötigsten: sauberes Trinkwasser, bescheidenes Essen, Latrinen und Gesundheitsversorgung. Viele Unterkünfte stehen an steilen, erdrutschgefährdeten Hängen, sie müssen gegen die Wirbelstürme stabilisiert und die sanitären Anlagen erweitert werden.

Besonders schwierig ist die Situation für Frauen

Weil sie die weitverbreitete Gewalt im Camp fürchten, verlassen sie ihre Hütten kaum. Inzwischen wurden «Woman and child friendly spaces» eingerichtet, wo sie sich treffen und austauschen können. Hier werden diverse Beratungen und psychologische Hilfe angeboten – und von Frauen jeden Alters rege besucht. Viele haben auf der Flucht Schreckliches erlebt.

Frauen und Mädchen würden buchstäblich zu Tode vergewaltigt. In Myanmar sind Frauen und Mädchen der muslimischen Rohingya- Volksgruppe nach UN-Angaben gezielter sexueller Gewalt durch die Armee ausgesetzt. Die Flüchtlingsfrauen sind traumatisiert und erzählen Horrorgeschichten von Vergewaltigungen und Massenvergewaltigungen.

Der im August 2018 veröffentlichte VICE Film zeigt hier nicht nur die Leidensgeschichte der Rohingya-Frauen, sondern sendet auch aktuelle Bilder aus Rakhine. Eine Rückkehr in das Gebiet scheint aus der Perspektive der Rohingya in Bangladesch unmöglich.

Spannungen vermeiden

Zu Beginn der humanitären Krise nahmen die Einheimischen die Flüchtlinge freundlich auf, inzwischen gibt es jedoch Spannungen. Denn viele BewohnerInnen von Cox’s Bazar leben selber in prekären Verhältnissen. Ihre Häuser sind kaum komfortabler als die rudimentären Unterkünfte im Camp. Sie kochen mit Brennholz, das sie in den umliegenden Wäldern finden. Doch mit der Ankunft von mehr als 700 000 Flüchtlingen wurden die umliegenden Wälder in kürzester Zeit abgeholzt, was das Brennholz stark verteuert hat. Einheimische berichten, dass das Lohnniveau wegen der «billigen Arbeitskräfte» aus Myanmar massiv gesunken sei. Denn in der Not suchen viele Flüchtlinge trotz Verbot eine Arbeit. «Wir sind zu einer Minderheit geworden», erzählt Khaleda Beguum* aus dem Dorf Paljong Khat, in dem 38 000 Menschen leben, neben einem Lager mit 655 000 Flüchtlingen. «Viele Lebensmittel sind doppelt so teuer wie vor der Krise. Oft können wir uns nur noch eine Mahlzeit am Tag leisten.» In einer ersten Hilfsaktion hat Solidar für gut 2800 Flüchtlinge Unterkünfte und Latrinen erstellt und den Zugang zu sauberem Trinkwasser ermöglicht. In der nächsten Phase unterstützen wir neben Flüchtlingen auch die einheimische Bevölkerung, um die Spannungen zu mindern und Verständnis und Toleranz zu fördern. Solidar Suisse wird Frauen und Männer aus den umliegenden Gemeinden ausbilden und ihnen helfen, Geschäftsmodelle zu entwickeln und die Qualität ihrer Produkte zu steigern, damit sie neue KundInnen gewinnen und ihr Einkommen erhöhen können.

HINTERGRUNDINFORMATION: ROHINGYA

Die bedrohteste Minderheit der Welt

Die muslimische Minderheit der Rohingya wird in Myanmar schon seit Jahrzehnten unterdrückt und diskriminiert. Myanmar erkennt die Mitglieder der Minderheit nicht als Staatsbürgerinnen und Staatsbürger an. In Bangladesch sind sie staatenlos. Die Geschäftsführerin Nadine Papai merkt an, dass die Rohingya das meist bedrohte Volk der Welt ist. Schon lange leben Rohingya unter einem Regime der Gewalt in Rakhine.

Ende August 2017 eskalierte die Situation: Bei Attacken von Rebellengruppen auf den Grenzschutz wurden mehrere Menschen getötet. Myanmars Militär startete daraufhin eine Vergeltungsaktion, die laut UNO in keinem Verhältnis zu den vorherigen Angriffen stand.

Systematisches Massaker in Rohingya-Dorf: Hunderte Tötungen und Vergewaltigungen in Tula Toli

Die Armee von Myanmar hat am 30. August 2017 im Dorf Tula Toli systematische Tötungen und Vergewaltigungen an mehreren Hundert Rohingya-Muslimen verübt, so Human Rights Watch. Der 30-seitige Bericht „Massacre by the River: Burmese Army Crimes against Humanity in Tula Toli“ beschreibt den Angriff der Sicherheitskräfte auf mehrere Tausend Dorfbewohner in Tula Toli, das offiziell als Min Gyi bezeichnet wird. Human Rights Watch hat dokumentiert, wie die Sicherheitskräfte Dorfbewohner am Flussufer einkesselten. Anschließend vergewaltigten und töteten sie Männer, Frauen und Kinder und setzten das Dorf in Brand.

BBC REPORT: Das Massaker von Tula Toli

Myanmar hat nach Angaben der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) hunderte Dörfer dem Erdboden gleich gemacht. Mit schwerem Gerät sei seit November 2017 die gesamte Infrastruktur und Vegetation in den Siedlungen zerstört worden, erklärte HRW unter Verweis auf Satellitenbilder. Die Organisation warf der Regierung Myanmars vor, mit der Zerstörung Spuren von Verbrechen beseitigen zu wollen.

Das Dorf Thit Tone Nar Gwa Sonam 20.12.2017 und nach der Zerstörung durch Myanmars Militär am 13.02.2018 (Bildquelle: AP/Digitalglobe)

Der VICE-Film “Left for Dead” zeigt die prekäre Sitation schon vor dem “großen Urknall” der Flüchtlingskrise, bei dem weitere 700.000 Rohingya  vor der Armee in den Distrikt Cox’s Bazar im Süden Bangladeschs flüchteten. Eines der größten Probleme ist der blühende Menschenhandel mit der religiösen Minderheit, die dabei bis nach Europa verschleppt und verkauft werden.