Lebenszeichen für bedrohte Völker der Andamanen2018-11-28T18:39:37+00:00

Requiem für ein Volk

Die Andamanen sind Teile einer Inselkette, die vom Cape Negrais in Myanmar über die Nikobaren bis nach Sumatra reicht; sie bilden die Spitzen einer unterseeischen Gebirgskette im Golf von Bengalen. Die Urbevölkerung der Andamanen bilden die Völker der Großandamaner, Jarawa, Onge und Sentinelesen. Sei hatten nur wenig Konakt zu fremden Kulturen und sind die einzigen “Negritos”, die noch eine eigene Sprache und Dialekte hatten bzw. haben. “Negritos “(span. Verkleinerungsform von negro „schwarz“) ist eine Sammelbezeichnung für mehrere dunkelhäutige, kraushaarige und kleinwüchsige Ethnien in Süd- und Südostasien. Sie wird heute vielfach als abwertend empfunden.

Bis vor ca. 150 Jahren lebten auf Großandaman und den naheliegeneden kleineren Inseln geschätze 5000- 8000 Andamanen in den Regenwäldern. Diese wurden in den letzten Jahrzehnten auf fast ein Zehntel der ursprünglichen Population dezimiert.  Kleinandaman war noch vor ca. 60 Jahren von geschätzten 500 Onge besiedelt und die von ihnen abstammenden Jawara, welche in Süd- und Mittelandaman lebten, wurden auf 250 Individuen geschätzt. Heute leben von beiden Gruppen nur noch ein paar Hunderte. Die andamanischen Sprachen bilden eine eigene Sprachfamilie von 13 Sprachen, wovon neun bereits ausgestorben sind. Umstritten ist, ob diese alle untereinander verwandt sind – sicher ist aber, dass sie mit keiner anderen Sprache verwandt sind.

Die andamanischen Gesellschaften sind Jäger und Sammler. Man nimmt an, die Sentinelesen leben ähnlich wie ihre verwandten indigenen Nachbarn:  Sie machen mit Pfeil und Bogen Jagd auf Wildschweine, Reptilien und Vögel. Mit Netzen fangen sie Fische, Krebse und Garnelen im seichten Wasser der Flüsse und dem küstennahen Meer. Darüber hinaus sammeln sie Früchte und andere Pflanzenteile. Sie nutzen Naturmaterialien, die sie auf der Insel finden, ebenso „moderne“ Gegenstände, die an den Strand gespült werden.

Allen ethnischen Gruppen der Andamanen ist gemein, dass sie sich gegen Fremde stets mit Pfeil und Bogen gewehrt haben. Manche nach einger Zeit der Konaktierung, andere lassen dies seit geraumer Zeit nur schwer zu.

GFBVÖ- CEO und Kulturanthropologin Nadine Papai: “Sentinelesen sind nicht per se feindlich, sondern sie (be)schützen sich!”

Sie leben auf North Sentinel Island und ihre Anzahl wird heute auf etwa 80- 100 Personen geschätzt: die Sentinelesen. Immer wieder wurde versucht mit ihnen in Kontakt zu treten. Stets verhalten sie sich aber feindlich. Die indische Regierung erkennt bei den Sentinelesen ein Recht auf Autonomie an, hat daher die Insel und das umliegende Gewässer im Radius von drei Seemeilen zur verbotenen Zone erklärt und Kontaktaufnahmen zu den Sentinelesen verboten. Sie trotzen Naturkatastrophen wie z.B. einem Tsunami 2004- werden aber nach wie vor allem durch Kontaktierungsversuche bedroht.

Hier eine Chronologie der bisher bekannten Kontaktversuche mit den BewohnerInnen der North Sentinel Island:
  • 1771: Von einem Forschungsschiff der East India Company berichtete der englische Beobachter John Ritchi erstmals, dass North Sentinel Island bevölkert sein müsse.

  • 1867: Der Brite Homfray landete dort begleitet von einer Polizeieskorte und einer Gruppe von Küstenbewohnern (sogen. Aka-Bea). Dies erwies sich jedoch als fundamentaler Fehler, denn diese gelten als Erzfeinde der Sentinelesen. Die Eingeborenen flohen schreiend.

  • 1880: Sein administrativer Nachfolger Maurice Vidal Portman versuchte es noch mehrmals bis in die 1880er Jahre vergebens. 1880 landete er als erster Europäer auf der Insel. Der britische Kolonialherr verschleppte 6 Sentinelesen gewaltsam nach Port Blair. Er beschrieb, dass die ganze Gruppe „schnell erkrankte und starben, sodass vier verbliebene wieder nach Hause geschickt wurden.“ Die weiteren Folgen dieses Vorfalls sind unklar; möglich ist, dass die Heimkehrenden eine Epidemie mit verheerenden Folgen verursachten. Portman kehrte zwischen Januar 1885 und Januar 1887 mehrmals auf die Insel zurück.

  • 1896: Ein hinduistischer Sträfling entkam von einer Strafinsel mit einem Floß und gelangte auf die Insel. Die Suchmannschaft fand ihn Tage später von Pfeilen getroffen und mit durchgeschnittener Kehle.

  • 1967: Der Inder Triloknath Pandit war der erste Anthropologe, der die isolierte Insel  betrat. Die Idee war, die North Sentinel Island zu erkunden und sich mit dem dortigen Stamm anzufreunden. Ungefähr 20 Wissenschaftler, örtliche Verwalter, Polizisten und Marinepersonal, nahmen ungeahnt, dass die Einheimischen feindselig sein könnten, ein kleines Schiff mit und legten an. Beim ersten Besuch versteckten sie sich in Wäldern und beobachteten die Fremden. Die Crew entdeckte ein offenes Gelände mit 18 Hütten. Sie sahen Feuer, gekochte Nahrungsmittel, gerösteten Fisch und wilde Früchte. Es gab überall Körbe, Bogen, Pfeile und Speere. Die Insulaner trugen keine Kleidung und bewahrten keine Dinge in ihren Häusern auf. Es handelte sich um offene Hütten aus Ästen und Blättern ohne Türen oder Fenster. Sie versteckten sich vor den Fremden; einer erhaschte einen Blick auf einen Sentinelese-Mann, aber sie kamen zurück, ohne jemanden zu treffen oder ohne Zwischenfälle. Damals  schätze man, dass ungefähr 40-50 Menschen in dieser Kolonie gelebt haben müssen.

  • 70er und 80er: Pandit hatte eine Reihe von Besuchen auf der Insel North Sentinel. Als das Boot die Insel erreichte, kamen sie uns entgegen. Sie machten verschiedene Gesten, einschließlich des Zeigens ihres Rückens. Ihre Warnungen wurden verstanden und stets ein Sicherheitsabstand eingehalten. Im Laufe der Zeit entwickelten die indischen Forscher die Strategie, Geschenke wie Kokosnüsse, Eisenstangen, Utensilien usw. ins Wasser zu werfen. Sowohl Männer als auch Frauen kamen heraus und sammelten diese, machten jedoch Einwände, sobald jemand versuchte, ihre Insel zu betreten. Hir enstanden einige der wenigen Bilder des Stammes.

  • 1974: Der Österreicher Heinrich Harrer versuchte in Begleitung des belgischen Ex-Königs Leopold III. mit den Sentinelesen Kontakt aufzunehmen, wurde aber mit Pfeil und Bogen bedroht und zog sich zurück. Im selben Jahr erschien auch der Film von Prem Vaidiya “Man in Search of Man”, der die Völker der Andamenen und auch die Sentinentelesen zeigt. Hier kann man das Original-Video sehen. https://www.youtube.com/watch?v=wSkGqTPzsTM

  • 1991: Pandit besuchte die Insel zweimal. Erstmalig nehmen die Sentinelesen Kokosnüsse aus den Händen, erlaubten aber immer noch nicht, die Insel zu betreten. Sie sprachen ständig, aber keiner konnte ihre Sprache verstehen. Einmal nahmen wir zwei Onge-Personen mit, aber als sie diese sahen, waren sie noch wütender.

  • 1996: Die Insel wurde nach weiteren misslungenen Kontaktversuchen der indischen Regierung zum militärischen Sperrgebiet erklärt, der Besuch der Insel ist deshalb seither verboten.

  • 2004: Es wird vermutet, dass viele indigene Völker beim Tsunami 2004 geringe Verluste erlitten haben, da sie das Zurückweichen des Meeres richtig deuten konnten und die Gemeinschaften in höhere Gebiete flüchteten. So überlebten wohl auch die Sentinelesen.

  • 2006: Nachdem das Boot von zwei Fischern  zu weit in Richtung der Insel abgedriftet war, wurden die beiden Fischer durch die Inselbevölkerung getötet.

  • 2018: der US-amerikanische Missionar John Allen Chau wollte angeblich die Eingeborenen zum Christentum bekehren, und wurde, als er versucht hatte, auf die Insel zu gelangen, getötet.

credits We Are Humanity movie
Hier sieht man ein “konaktiertes” Jawara-Mädchen aus dem Film (c We are Humanity) oben. Dieser beschreibt die Bedrohung der isolierten Völker der Andamanen durch Landraub und Assimilation. Andere indigene Völker auf den Andamanen wurden durch Gewalt und Krankheiten nach dem Kontakt fast völlig ausgelöscht. Krankheiten stellen eine ernste Bedrohung für alle Andamanen dar, die wegen ihrer abgeschiedenen Lebensweise keine Abwehrkräfte entwickelt haben.
Unten sieht man die Siedlungsgebiete der Jarawa, Onge und Sentinelesen auf den Andamanen (aus A.C.Radda, 1997: Negritos – Andamaner, Semang, Aetas)

Sie sind keine feindlichen Menschen. Sie warnen – sie töten keine Menschen, auch nicht Außenseiter. Sie überfallen nicht ihre Nachbarn. Sie sagen nur: “Lass uns in Ruhe.” Sie machen deutlich, dass Außenseiter in ihrem Lebensraum nicht willkommen sind. Man muss diese Sprache verstehen.

Triloknath Pandit, 2018, indischer Anthropologe