Lebenszeichen für bedrohte Völker Brasiliens2018-11-26T09:10:00+00:00

Brasilien ist das Land mit den meisten unkontaktierten Völkern weltweit. Man unterscheidet heute etwa 200 bis 220 verschiedene indigene Völker, die in Brasilien leben, davon sind zwischen 50 und 90 unkontaktierte indigene Völker; in Peru sind es Schätzungen zufolge in etwa 20.

Kontakte erfolgten bereits Ende des 19. Jahrhunderts während des Kautschukbooms. In den fünfziger und sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts wurden vor allem durch den Bau von Straßen (Transamazônica) oder Staudämmen weitere isolierte indigene Völker kontaktiert. Viele von ihnen sind jedoch inzwischen ausgestorben. Im brasilianischen Bundesstaat Rondônia gibt es noch den einzigen Überlebenden eines Volkes, der seit 1996 beharrlich jeden Kontakt zur staatlichen Behörde für indigene Angelegenheiten (FUNAI) und zur Außenwelt verweigert.

Über diese Völker und deren Sprachen ist nur sehr wenig bekannt. Nur in Ausnahmefällen gibt es konkrete Hinweise bzw. Filmaufnahmen oder Fotos von ihnen. Meist kann man nur anhand von Indizien, wie Hütten, Pflanzungen, angelegten Pfaden, Nahrungsresten, Pfeilen, Schmuckgegenständen, etc. auf ihre Existenz und Lebensweise schließen. Deshalb werden sie in Brasilien „os invisíveis“, “die Unsichtbaren”, genannt. Die Territorien der Indigenen liegen in Brasilien und Peru in Gebieten mit begehrten Rohstoffvorkommen wie Edelhölzern (Mahagoni und Zeder), Mineralien, Erdgas und Erdöl, die durch legal wie illegal agierende Unternehmen ausgebeutet werden.

Im Gegensatz zu industriellen Gesellschaften kommt das Energiesystem von in freiwilliger Abgeschiedenheit lebenden Völkern ganz ohne fossile Energieträger aus. Sie verbrauchen wenig an natürlichen Ressourcen, produzieren weder toxische Abfälle noch Schadstoffe und erfüllen sämtliche Kriterien nachhaltiger Entwicklung. Am meisten bedroht werden sie von illegaler Abholzung, dem Bergbau und der Erdöl- und Gasindustrie.  Mittlerweile hängt ihr Überleben nicht mehr von ihnen selbst ab, sondern von ihrer Außenwelt, die sie mit jedem Tag immer mehr bedrängt und ihren Lebensraum – den Regenwald – nachhaltig zerstört.

Für den Schutz indigener Völker ist in Brasilien

Seit 1987 hat die staatliche Behörde für indigene Angelegenheiten FUNAI ihren früheren Umgang mit in freiwilliger Abgeschiedenheit lebenden Völkern, den sogenannten Isolados, durch die Gründung einer eigenen Koordinationsstelle für in Isolation lebende Völker, geändert.  Ausschlaggebend dafür war eine Initiative von Sertanistas. So werden in Brasilien Ethnologen, Anthropologen oder angestellte FUNAI-Mitarbeiter bezeichnet, die den Erstkontakt zu indigenen Völkern aufnehmen und mit deren Kultur und Lebensweise eng vertraut sind. Sie arbeiten mit ihnen in deren Siedlungsgebieten zusammen und werden dabei von Mateiros – Waldläufer, meistens selbst Indigene, die im Regenwald aufgewachsen sind – unterstützt. Deren Hauptaufgabe ist die Lokalisierung dieser Völker, die Ausweitung von Schutzzonen sowie die Einrichtung von Außenposten ist. Durch diese soll der direkte Kontakt mit Isolados vermieden und die Einschleppung von ansteckenden Krankheiten, wie etwa Grippe, Masern, Malaria oder Keuchhusten verhindert werden.

Indigene Völker in freiwilliger Isolation im peruanischen Amazonien

Peru ist nach Brasilien das Land mit der zweitgrößten Anzahl an Völkern in freiwilliger Isolation. Über 20 leben im peruanischen Amazonien ohne Kontakt zum Rest der Gesellschaft. Sie leben vor allem an den Grenzen zu Ecuador, Brasilien und Bolivien. Ihre Territorien befinden sich in den entlegensten bzw. noch unberührten Gegenden des peruanischen Amazonasgebiets. Ihre Hauptnahrungsquellen sind vor allem Fische, Wildtiere, Früchte, Samen und Wurzeln, die je nach Jahreszeit an verschiedenen Orten ihrer angestammten Territorien zu finden sind.

Die freiwillige Isolation dieser Völker hat in traumatischen Erfahrungen während der Kolonialgeschichte ihren Ursprung. Die Ankunft der europäischen Missionare und die Gründung von Missionssiedlungen („reducciones misionales“), in denen Indigene oft zwangsweise untergebracht wurden, führten im 17. und 18. Jahrhundert zu einem Massensterben der Regenwaldbewohner und zur Zersplitterung vieler Völker. Krankheiten wie Grippe und Masern verbreiteten sich. Sie waren für die indigene Bevölkerung lebensgefährlich, da diese gegen solche Krankheiten nicht immun waren. Um sich zu schützen, flüchteten viele Indigene in die entlegensten Gebiete des Regenwaldes.

Eine andere traumatische Erfahrung kam mit dem Kautschukboom der Jahre 1880 bis 1915. Durch diesen wurden viele Völker endgültig ausgelöscht, andere zerfielen. Für den von der nordamerikanischen und europäischen Industrie hoch begehrten Gummi nahmen die Kautschukbarone indigenes Land willkürlich in Besitz, um es zur Produktion zu nutzen. Die damit einhergehende „Menschenjagd“, bei der indigene Dörfer überfallen, Kinder und Erwachsene entführt und als Sklaven an die Gummibarone verkauft wurden, konnten viele Ureinwohner nur durch Flucht tief in den Regenwald entkommen.

Seit wenigen Jahrzehnten erleben diese Völker eine neue Welle von Gefahren. In ihren Territorien befinden sich begehrte natürliche Ressourcen wie Edelholzbäume (Mahagoni und Zeder), Mineralien, Erdgas und Erdöl, die durch illegale bzw. legale Unternehmen ausgebeutet werden. Im letzteren Fall übergibt der Staat vertraglich indigene Territorien an internationale Unternehmer zwecks Erkundung und Förderung dieser Ressourcen.

Drei Schutzgebiete für “die Unsichtbaren”

In Peru wurden Mashco Piro, Murunahua und Isconahua zu indigenen Schutzgebieten erklärt. Die „Multisektorale Kommission für isolierte Völker bzw. Völker nach anfänglichem Kontakt“ hat die drei genannten Gebiete in der Region Ucayali in Peru einstimmig zu Schutzgebieten für Indigene erklärt. Dies geschieht zum ersten Mal in der Geschichte des Landes und zehn Jahre nach der Verkündung des „Ley 28736“ („Gesetz zum Schutz der indigenen Völker in Abgeschiedenheit oder nach anfänglichem Kontakt“).

Jose Carlos Meirelles ® Artur Figueiredo Meirelles

Je mehr Menschen über die Existenz unkontaktierter Völker Bescheid wissen, desto größer ist ihre Überlebenschance. Meine Aufgabe ist es, ihren Lebensraum zu schützen und Eindringlingen den Zutritt zu verwehren. Nur so kann das Überleben unkontaktierter Völker garantiert werden.

José Carlos Meirelles, Gründungsmitglied der FUNAI-Abteilung für unkontaktierte Völker, 2012
José Carlos Meirelles, Gründungsmitglied der FUNAI-Abteilung für unkontaktierte Völker, 2012
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Wir wissen über diese Völker nur wenig. Es ist sogar schwierig, den Staat von ihrer Existenz zu überzeugen. Denn ohne den Beweis zu erbringen, dass diese unkontaktierten Völker tatsächlich existieren, wird sich die Außenwelt auch nicht für ihr Überleben einsetzen. Und oft sagt ein einziges Bild mehr aus als 1000 Berichte. Diese Isolados sind auf einmal hier aufgetaucht – auf der Flucht vor illegalen Holzfällern aus Peru. Das ist der einzige Zufluchtsort, der ihnen noch bleibt. Aber anstatt die illegalen Holzfäller zu vertreiben, behauptet die peruanische Regierung, dass es unkontaktierte Völker gar  nicht gibt.

José Carlos Meirelles, Gründungsmitglied der FUNAI-Abteilung für unkontaktierte Völker, 2012
José Carlos Meirelles, Gründungsmitglied der FUNAI-Abteilung für unkontaktierte Völker, 2012