Anlässlich des Mordes an George Floyd veröffentlichen wir hier einen Artikel aus dem Kalender Lebenszeichen 2017. Darin haben wir damals schon auf die zunehmende Polizeigewalt hingewiesen. LEBENSZEICHEN schließt sich den friedlichen Demonstrationen in Wien an.

  • Wir fordern die durchgehende Einhaltung der Rechtsstaatlichkeit bei Einsätzen der Polizei, der Nationalgarde und auch des Militärs.
  • Wir fordern eine Politik der Deeskalation und konsequente strafrechtliche Verfolgung aller rechtswidrigen Übergriffe gegen friedliche Demonstranten.
  • Wir fordern die Vertreter der europäischen Staatengemeinschaft auf, politischen Druck auf Präsident Trump auszuüben! Er ist der amerikanischen Verfassung und der allgemeinen Menschenrechte verpflichtet – auch im Umgang mit Minderheiten, die amerikanische StaatsbürgerInnen sind.
  • Auch erwarten wir von der europäischen Staatengemeinschaft, insbesondere der Außenminister der Mitgliedstaaten, dass die jeweiligen US-BotschafterInnen einberufen werden, um dieses Fehlverhalten zu verurteilen.

Amerika: Kein Ende der Diskriminierung in Sicht

Schwarze BürgerInnen kämpfen in den USA immer noch mit Diskriminierung: Die Kluft zwischen weißen und schwarzen SchülerInnen wird immer größer, die (Polizei-) Gewalt gegen Schwarze nimmt kein Ende.

Vom Kindergarten bis zur Schule

Schwarze BürgerInnen werden in den USA immer noch diskriminiert. Die amerikanische Regierung investiert viel Geld in ihr Bildungssystem. Trotzdem wird die Kluft zwischen weißen und schwarzen SchülerInnen immer größer. Weniger Vermögen, mangelhafte Gesundheit und niedrigeres Bildungsniveau der Eltern schaffen ein Umfeld, in dem schwarze Kinder und Jugendliche schlechtere Bildungschancen haben.

Die Ungleichheit in der Bildung zeigt sich bereits im Kindergarten. Schwarze Kinder werden viel häufiger als weiße Kinder in Kindertagesstätten mit minderer Qualität untergebracht. Gleichzeitig zeigen jüngste Studien auf, dass hochwertige Tagesstätten einen nachhaltigen Einfluss auf die Erziehung des Kindes haben. Weiter geht es in der Schule: Schwarze Kinder müssen häufiger mit Disziplinarmaßnahmen rechnen als weiße. Innerhalb eines Schuljahres werden im Durchschnitt 20 Prozent aller schwarzen Jungen und 12 Prozent der schwarzen Mädchen vom Unterricht suspendiert oder ganz von der Schule verwiesen. Bei dem weißen SchülerInnen sind nicht einmal 5 Prozent von solchen Maßnahmen betroffen. Eine Erhebung des US-Bildungsministeriums zeigt, dass die Mehrzahl schwarzer Kinder auf Schulen geht, die fast ausschließlich von anderen Minderheiten besucht werden. Diese Schulen sind nicht nur schlechter ausgestattet, auch das Lehrpersonal ist schlechter bezahlt und meist unterdurchschnittlich qualifiziert.

Nur wenige schwarze StudentInnen schließen die High School ab. Außerdem gibt es für schwarze SchülerInnen seltener erweiterte Kursangebote. Somit wird ihnen die Möglichkeit genommen, sich tiefergehendes Wissen anzueignen. Diese vertiefenden Kurse wären wichtig, um sich auf einen vierjährigen College-Abschluss vorzubereiten.

#blacklivesmatters – Schwarze Leben zählen

Aber auch die Gewalt an Schwarzen ist immer noch ein großes Problem in der amerikanischen Gesellschaft. Junge schwarze Männer im Alter von 15 bis 34 Jahren werden neunmal sooft Opfer von Polizeigewalt wie der Durchschnitt der Bevölkerung. Statistisch gesehen stirbt einer von 65 jungen schwarzen Männern durch Polizeigewalt. Zahlreiche Fälle junger Schwarzer, die getötet wurden, und deren Täter ungestraft blieben, ließen in den vergangenen Jahren aufschrecken: der 17-jährige Trayvon Martin aus Sanford wurde im Winter 2012 von einem Mann der Nachbarschaftswache aus nächster Nähe erschossen; der unbewaffnete 18-jährige Michael Brown aus Ferguson wurde im Sommer 2014 von einem Polizisten mit mindestens sechs Kugeln getroffen und verstarb an Ort und Stelle; der 25-jährige Freddie Gray aus Baltimore erlitt bei einer Festnahme und der darauffolgenden Fahrt im Polizeiauto im Frühjahr 2015 so schwere Verletzungen, dass er ins Koma fiel und eine Woche später starb. Diese und andere Fälle machten die 2012 gegründete Bewegung „Black Lives Matter“ („Schwarze Leben zählen“) weltweit bekannt, die auf den anhaltenden Rassismus und die straflos bleibende Gewalt gegen Schwarze aufmerksam machen will.

Sklaverei in den USA

Die Kolonisierung Amerikas ging mit einer Versklavung von unzähligen AfrikanerInnen einher, die auf den Kontinent gebracht und dort als billige Arbeitskräfte missbraucht wurden. Mitte des 19. Jahrhunderts gab es in den Südstaaten der USA rund vier Millionen schwarze SklavInnen. Sie wurden auf Märkten verkauft und galten als Leibeigene. Schwarze lebten unter widrigsten Bedingungen und mussten auf Baumwollplantagen oder Tabakfeldern schuften. Kaum eine/r wurde älter als 40 Jahre.

Im Norden lehnte man die Praxis von Leibeigenen ab. Erst nach dem vierjährigen Sezessionskrieg wurde die Sklaverei 1856 in Amerika endgültig abgeschafft. Die ehemaligen SklavInnen waren von da an formell frei. Dennoch war man von einer Gleichberechtigung Schwarzer und Weißer weit entfernt. Die „Rassentrennung“ in öffentlichen Einrichtungen wurde erst im Jahr 1964, ein Jahrhundert später, aufgehoben.

geschrieben von Chigozie Ogbuebele aus Lebenszeichen 2017 “Kinderwelten”