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Kaum hat der Militärschlag begonnen, gibt es erste Berichte über starke Fluchtbewegungen in der Region. Der UNHCR warnt davor, dass die Situation noch mehr Leid verursachen könnte, und zwar zusätzlich zu der ohnehin schon größten Vertreibungskrise der Welt, bei der mehr als fünf Millionen Syrer als Flüchtlinge leben, während weitere sechs Millionen intern vertrieben wurden. Nadine Papai, CEO von LEBENSZEICHEN und Projektleiterin für den Nordirak startete das Notfallprogramm vor Ort: “Es haben uns in den letzten Tagen Berichte im Nordirak erreicht, dass die ersten tausend syrischen Flüchtlinge bereits in einem Camp in der autonomen Region beherbergt werden. Wir beginnen sofort zu arbeiten.”

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Die Kurden – das größte Volk der Welt ohne eigenen Staat

Die kurdische Geschichte ist geprägt von einer glanzvollen frühen Vergangenheit, von tiefer Zerrissenheit, von Leid und Unterdrückung. Als eines der ältesten Völker ist es bis zum heutigen Tag ein Volk ohne eigenen Staat. Ihre Versuche, eine eigene Nation oder autonome Souveränität zu erlangen, sind immer wieder an den Interessen der sie umgebenden Mächte, aber auch an eigener kurdischer Zerstrittenheit gescheitert.

Die Kurden sind auch das größte Volk der Erde, das nicht in einem eigenen Staat lebt. Dennoch weiß man nicht genau wie viele es von ihnen gibt; Schätzungen belaufen sich von 20-40 Millionen. Sie leben als Minderheiten vor allem in der Türkei, in Syrien, im Irak und im Iran. Überall als Minderheit über Jahrhunderte unterdrückt, wurde nach dem Golfkrieg 1991 im Nordirak eine Sicherheitszone für die Kurden errichtet, die dort seitdem weitgehende Autonomie genießen. Seit 2003 existiert auch durch ein Sondergesetz eine verfassungsrechtliche Sicherung der von der Region Kurdistan erworbenen Autonomierechte. Eine größere Unabhängigkeit scheiterte dort bislang an den zerstrittenen kurdischen Parteien sowie an den Bedenken der Türkei.

Nichts Neues in Kurdistan: Es kriselt immerzu und überall

Im Irak gestand man den Kurden zwar zeitweise größere Freiheiten zu, doch wenn der Ruf nach Unabhängigkeit zu laut wurde, schlug der zentralistisch organisierte Staat zurück, um seinen Zugriff auf die Bodenschätze nicht zu verlieren. So führte Saddam Hussein Zwangsumsiedelungen durch und setzte sogar Giftgas gegen kurdische Zivilisten ein.
Nadine Papai von LEBENSZEICHEN begibt sich regelmäßig in die autonomen kurdischen Gebiete des Nordiraks. Dort ist die Lage noch entspannt, doch Nadine Papai warnt: “Vor allem seit dem Unabhängigkeits-Referendum 2017 ist die Lage sehr verworren. Es kann immer wieder zu Interventionen seitens des irakischen Militärs kommen. Der jetzige Angriffskrieg in Syrien gegen die kurdischen Milizen kann sich auf die Gebiete im Irak im Sinne der Autonomie negativ auswirken.”

“An den nordirakischen Grenzgebieten zu Syrien im Osten und auch in der Nähe unseres Projektgebietes an der nördlichen Grenze zur Türkei kommt es immer wieder zu Angriffen zwischen dem türkischen Militär und der PKK bzw. sind die irakisch-kurdischen Grenzgebiete zur Türkei stets auch Schauplatz dieses Konflikts. Besonders an den Grenzen zu Syrien befinden sich auch Flüchtlingslager der IS- Kämpfer und deren Familien. Das Gebiet ist seit dem Völkermord an den Jesiden 2014 eine abgesperrte Sicherheitszone, in der nur wenige Menschen leben. Die von dort Geflohenen können nicht zurückkehren, ohne wieder auf die Camps der IS-Gefangenen zu treffen. Ein Zustand, in dem viele der Binnenflüchtlinge des Nordiraks schon seit mindestens fünf Jahren verweilen.” so Papai.

Es geht immer auch ums Öl & Wasser

Die Kurden leben seit jeher in einer Region Eurasiens, die von besonderer strategischer Bedeutung ist. In unserer Zeit sind es vor allem die Ölvorkommen, die Kurdistan interessant machen und der Wasserreichtum aus seinen Bergen. Die wichtigsten Ölfelder des Irak liegen in den Randgebieten Kurdistans bei den Städten Kirkuk und Mosul. Im türkischen Ostanatolien um Batman wird ebenfalls auf kurdischem Gebiet Öl gefördert. Auf beides möchte weder der Irak noch die Türkei verzichten. „Nach dem Verdrängen des IS in Kirkuk und auch später in Mosul, an dem die kurdischen Truppen des Irak maßgeblich beteiligt waren, wurde das Gebiet kampflos an das irakische Militär abgegeben. Der Sieg über den IS führte also auch zur Verkleinerung des autonomen Gebietes.“


Flickr/Kurdishstruggle (CC BY 2.0)

Ein Volk leistet unaufhörlich Widerstand

Die Kurden der Türkei, des Irak, des Irans und später auch in Syrien sahen sich mehr oder minder starken Repressalien ausgesetzt. Sie durften sich politisch nicht betätigen, und es wurde versucht, ihre Kultur zu unterdrücken, in dem beispielsweise ihre Sprache oder typische Kleidungsformen verboten wurden. Immer wieder wurde auch militärisch gegen sie vorgegangen. Militante Kurden antworteten auf die Unterdrückung mit Terroranschlägen und Sabotageakten, sodass vor allem in der Türkei teilweise kriegsähnliche Zustände in den Kurdengebieten herrschen.

Wollen alle Kurden einen eigenen Staat?

Nein. Es gibt natürlich hier auch verschiedene politische Einstellungen. Eine gemäßigte politische Einstellung bedeutet sich zwar für Autonomie einzusetzen, jedoch nicht um jeden Preis. Der Wunsch nach der Staatengründung hat den Kurden in der Vergangenheit nichts Gutes gebracht, meist waren militärische Auseinandersetzungen die Folge. Dennoch existieren auch durch die irakische Autonomie noch Hoffnungen auf eine Erweiterung des Gebietes. Die syrischen Kurden sind nun auch zu einer eigenständigen Konfliktpartei geworden, auch weil viele von ihnen allein kurdische Interessen im Blick haben und eine autonome Selbstverwaltung ihrer Siedlungsgebiete nach Vorbild der autonomen Region Kurdistan im Irak anstreben.

Einen wirklich komplett unabhängigen Staat wollen nur wenige. Gerade in diesem Gebiet leben seit Jahrhunderten verschiedene Völker zusammen; die Autonomiebestrebungen versinnbildlichen eher den Drang nach Selbstbestimmung gegen diskriminierende Herrschaftssysteme. Schon immer waren sie auch bereit, ihr Land, auf dem sie seit über 4000 Jahren leben, zu verteidigen. Im Laufe des 20. Jahrhunderts gründeten sie eigene Milizen, die in Kontakt stehen, aber meist eigenständig voneinander operieren. So war es auch im Kampf gegen den IS und gegen das türkische Militär.

Sulaiman Tamer, unser kurdischer Projektkoordinator im autonomen Gebiet des Iraks, meint dazu: “Die Kurdengeschichte ist voll von Krisen. Jedes Mal, wenn Kurden nach Freiheit, Demokratie oder einer Nation fragen, werden wir vertrieben, unser Land zerstört, bestraft. Es wird immer ein Völkermord an uns begangen, wir werden kontrolliert und getötet. Von 1929 bis heute ist dies mehr als acht Mal passiert: dreimal in der Türkei zwischen 1920-1940,  im Iran 1946 und fünf Mal im Irak zwischen 1946-2019. Jetzt passiert dies auch in Syrien. Das Problem ist wir sind Kurden und nichts anderes. Alle unsere Nachbarn wollen unsere Freiheit und unsere Revolutionen nicht. Nach dem Prinzip der UNO hat jedes eingenständige Volk, das Recht, ein Land zu werden. Es gibt einige Länder wie Kuwait oder Katar, die dies erreicht haben, aber deren Bevölkerung nicht über 4 Millionen Menschen ausmacht. Wir Kurden sind mittlerweile in vier Ländern ansässig und sind mehr als 50 Millionen Bürger. Was jetzt in Syrien passiert, hat grünes Licht von den Großmächten der Welt: die USA, Russland, die EU und UNO. Warum sonst kann niemand den Konflikt aufhalten?”

International wird die Militäroffensive teils scharf verurteilt, auch von der Bundesregierung. Die EU-Staaten fordern Ankara in einer gemeinsamen Erklärung auf, die Operation abzubrechen. Die französische Europa-Staatssekretärin de Montchalin betonte, man werde nicht untätig bleiben. EU-Ratspräsident Tusk teilte auf Twitter mit, die Türkei müsse verstehen, dass die Mitgliedsländer in Sorge vor einer neuen humanitären Katastrophe seien. Er wies zudem die Drohung des türkischen Präsidenten Erdogan zurück, im Falle weiterer Kritik Millionen Flüchtlinge nach Europa zu schicken.

“Eine Deeskalation des erneuten Konflikts in Nordsyrien ist absolut notwendig”, sagte der UN-Generalsekretär António Guterres. Er äußerte sich auch besorgt über die humanitäre Lage und die Vertreibung von Zivilisten. Das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen, UNHCR, sagte vorhin, dass Zehntausende von Zivilisten auf der Flucht vor den Kämpfen waren. US-Botschafter Kelly Craft sagte, dass die Türkei auch “die volle Verantwortung für den Schutz der kurdischen Bevölkerung und der religiösen Minderheiten, einschließlich der Christen, trägt” und auch dafür verantwortlich ist, dass die IS-Terrorgruppe “sich in keiner Weise oder Form wiederherstellt”. Die kurdisch geführte Miliz in Nordsyrien, die für die kurdisch-arabische Koalition kämpft, die als syrische demokratische Kräfte bekannt ist, war ein wichtiger Verbündeter der Vereinigten Staaten im Kampf gegen den IS, die Türkei aber betrachtet die kurdischen Kämpfer als Terroristen.

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Wieso kämpfen sie gegen radikale Islamisten?

Die Kurden gelten insgesamt als gemäßigte Muslime, die im Verhältnis zur Region den Frauen besonders viele Rechte einräumen. In Kurdistan gibt es weder eine Schleierpflicht noch ein Verbot für Frauen zu arbeiten. Dennoch ist dies ein islamisches Land mit starken konservativen Kräften. Und auch der Grund, warum der radikale Islamismus bei ihnen nicht fruchten konnte, sondern einen Gegenpol in der Auslegung des islamischen Glaubens darstellt. Besonders bekannt ist auch der Umstand, dass es in den kurdischen Milizen auch stets Fraueneinheiten gibt. „Man hat besonders Respekt vor diesen Frauen. Man sagt einigen nach, sie haben mehr Ausdauer bei den Kämpfen. Dort wo Männer aufgeben würden, halten sie noch die Stellung.“ so Sulaiman Tameer Saed, unser LEBENSZEICHEN-Mann vor Ort. Fast ein Drittel der Mitglieder der YPG sind Frauen. Jede einzelne von ihnen hat sich freiwillig für den Einsatz gemeldet. Die meisten sind unverheiratet, aber auch einige Mütter nehmen an dem Kampf teil. Auch im Irak sind Kämpferinnen und Kämpfer der YPG im Einsatz – und auch dort fanden sich in den Reihen der kurdischen Armee, den Peschmerga, immer wieder einige Frauen. “Ja, die Frauen kämpften mit der PKK, in Syrien und von 1961 gemeinsam mit Mustafa Barzani bei den Peschermga gegen das irakische Regime.” Fast die Hälfte der Mitglieder der PKK, die von der Türkei, der EU und den USA als Terrororganisation eingestuft wird, sind Frauen. Deren Kampftruppen bestehen zu 40% aus Frauen, die die gleiche Kampfausbildung wie ihre männlichen Kollegen absolvieren.

UNICEF-Exekutivdirektorin Henrietta Fore schätzt ein, dass jede neue militärische Kampagne zu Chaos führen kann, die Umstände für das Wiederaufleben der extremistischen Gruppe IS schaffen könnten, so die Mitglieder der Unabhängigen Internationalen Untersuchungskommission. Die Kommissare, die Verletzungen untersuchen, die während der achtjährigen syrischen Krise begangen wurden, stellten fest, dass derzeit mehr als 100.000 zuvor Vertriebene, von denen die meisten Frauen und Kinder mutmaßliche Verbindungen zu IS-Kämpfern haben, in provisorischen Lagern verweilen. Sie verweilen derzeit mit begrenztem Zugang zur Grundversorgung und sind ohne alters- und geschlechtsspezifische Rehabilitationsprogramme der Gefahr einer erneuten Radikalisierung ausgesetzt.

Freie Bahn für Erdogan?

„Den Abzug der amerikanischen Truppen aus Syrien verfolgen wir schon länger. Trump betont jedoch, er würde keinen Abzug aus dem Irak planen. Vor Ort ist ganz klar, dies bedeutet einen erneuten Flüchtlingsstrom in die autonomen Regionen. Es wird dann aber auch in Nordkurdistan sehr eng. Wir dürfen unsere Hilfe nicht stoppen.“ so die LEBENSZEICHEN- Geschäftsführerin Nadine Papai.

Die kurdisch geführte Miliz in Nordsyrien, die für die Koalition „syrische demokratische Kräfte“ kämpft, war ein wichtiger Verbündeter der Vereinigten Staaten im Krieg gegen den IS. Die Türkei betrachtet diese aber als Terroristen. Das Verhältnis der syrischen Kurden zur Türkei ist durch den Kampf zwischen der türkischen Regierung und der türkischen radikalen Arbeiterpartei Kurdistans, der PKK vorbelastet. Die Türkei lehnt eine kurdische Autonomie in Syrien ähnlich der autonomen Region Kurdistan im Irak ab. Recep Tayyip Erdogan verspricht sich aber durch seinen Einsatz besonders ein Wiederaufleben seiner Popularität in der Türkei nach seinem Wahlverlust 2019. “Erdogan will seine Macht mit Hilfe des Konflikts zurückgewinnen. Er weiß, dass ihm keine kurdische Gefahr aus Syrien droht.” sagt Papai.

Da die PYD seit Juli 2012 weite Teile der kurdischen Gebiete kontrolliert, erhöhte die Türkei im Herbst 2012 ihre Militärpräsenz im syrisch-türkischen Grenzgebiet. Im Oktober 2012 drohte Erdogan von der PYD kontrollierte Gebiete bombardieren zu lassen, wenn die PYD diese Gebiete der PKK für „terroristische Aktivitäten“ überlassen sollte. Im Zusammenhang mit der Schlacht um Kobane äußerte er im Oktober 2014, die PYD sei eine Terrororganisation wie die PKK. Im Januar 2018 begann die Türkei eine militärische Offensive gegen den von der PYD regierten Kanton Afrin; im März 2018 nahmen die türkischen Streitkräfte zusammen mit Verbündeten bereits Afrin ein.

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Die Destabilisierung der syrisch-kurdischen Region

Nach ersten Luftschlägen und Angriffen nun im Oktober 2019 in Nordsyrien haben inzwischen auch türkische Soldaten die Grenze im Norden Syriens überschritten. Mit der insgesamt dritten Invasion seit 2016 will der türkische Präsident zum einen die syrisch-kurdische Miliz YPG vertreiben, zum anderen will er einen etwa 30 Kilometer breiten Streifen unter türkische Kontrolle bringen. Auch, um dort dann später syrische Flüchtlinge aus der Türkei anzusiedeln. Unabhängig davon, ob sie diese “sichere Zone” schafft, sollte die Türkei sie nicht nutzen, um die Sperrung der Grenzen für Asylbewerber oder die gewaltsame Rückführung von Flüchtlingen zu rechtfertigen, die beide gegen ihre Verpflichtungen aus dem internationalen Flüchtlingsrecht verstoßen. Kommt Erdogan damit durch, würde sich die Bevölkerungsstruktur dort nachhaltig verändern: Minderheiten wie Kurden würden ab sofort vertrieben, so dass die Gefahr eines zusammenhängenden Kurden-Gebietes gebannt wird. Bisher war die Region dies nicht: gerade in dem von den Kurden „Rojava“ genannten Gebiet leben viele Minderheiten „wie ein Fleckerlteppich“ verteilt: Kurden, Armenier und Assyro-Aramäer, Christen, Tscherkessen und Turkmenen. Die größte ethnische Minderheit stellen hier die Kurden dar.

Das 1×1 des kurdischen Konflikts

TÜRKEI

PKK und deren Miliz HPG

  • Am 27. November 1978 gründete Öcalan zusammen mit 24 Mitstreitern die marxistisch-leninistische Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) in der Provinz Diyarbakır. Sie kämpft in der Türkei und teilweise auch in den angrenzenden Ländern für die politische Autonomie kurdisch besiedelter Gebiete. Ziel der Anhänger der PKK ist „Auslegungssache“: die einen sind für die Gründung eines unabhängigen kurdischen Staates, andere setzen sich für ein „demokratisches autonomes Kurdistan“ innerhalb der bestehenden Staatsgrenzen mit eigenen „nichtstaatlichen Administrationen“ ein. Die Organisation wird unter anderem von der Türkei, der EU, den Vereinigten Staaten und Deutschland als terroristische Vereinigung eingestuft. Die Vereinten Nationen und Staaten wie China, Russland, Indien und Ägypten stufen die PKK nicht als Terrororganisation ein. Der militärische Arm der PKK heißt heute HPG.

HDP für Minderheitenrechte

  • Die HDP, die deutsch Demokratische Partei der Völker, ist eine linksgerichtete politische Partei in der Türkei. Sie befürwortet Minderheitenrechte, insbesondere für die kurdische Minderheit. Bei der Parlamentswahl im Juni 2018 konnte die HDP mit 11,7 % der Stimmen die Zehn-Prozent-Hürde überwinden und ist die drittgrößte Fraktion im Parlament. Sie ist die erste mehrheitlich kurdische Partei überhaupt, die direkt ins Parlament gewählt wurde.

  • 2017 befanden sich elf Abgeordnete der HDP in Haft. Der HDP wird von Seiten Erdogan vorgeworfen, der von vielen Staaten als Terrororganisation eingestuften PKK nahezustehen bzw. sich nicht deutlich genug von ihr zu distanzieren.

SYRIEN

Rojava und die syrisch-kurdischen Partei PYD, YPG und SDF

  • Die Demokratische Föderation Nord- und Ostsyrien – auch bekannt unter dem kurdischen Namen Rojava, quasi Westkurdistan, ist ein de facto autonomes Gebiet in Nordsyrien. Am 17. März 2016 rief eine Versammlung kurdischer, assyrisch-aramäischer, arabischer und turkmenischer Delegierter die autonome Föderation Nordsyrien aus, damals bestehend aus den Kantonen Afrin, Kobane und Cizire.

  • Die PYD, die Partei der Demokratischen Union, ist eine kurdische Partei in Syrien und Mitglied der syrischen Oppositionsgruppe Nationales Koordinationskomitee für Demokratischen Wandel. Die Partei gilt als Schwesterpartei der PKK.

  • Zum Schutz dieser Gebiete gründete die PYD 2011 die Volksverteidigungseinheiten (YPG). hat die Miliz YPG (People’s Protection Units): Die syrischen Kurden sind in weiten Teilen militärisch organisiert, kämpfen aber im Bürgerkrieg mehrheitlich auf keiner Seite. Sie wurden in den vergangenen Jahrzehnten vom Regime unterdrückt und sind daher keine Verbündeten von Präsident Assad. Allerdings kommt es auch nicht zu einer Allianz mit der restlichen syrischen Opposition, die von der Türkei unterstützt wird. Sie leiten die „Syrische Demokratische Kräfte (SDF)“, ein Bündnis im syrischen Bürgerkrieg, das sich hauptsächlich aus kurdischen, arabischen und assyrischen/syrischen Milizen sowie einigen kleineren armenischen, turkmenischen und tschetschenischen Streitkräften zusammensetzt. Sie kämpfen für die Schaffung eines säkularen, demokratischen und dezentralen Staats.

  • Die Frauenschutzeinheiten oder Frauenverteidigungseinheiten (YPJ) ist eine rein weibliche Miliz, die in Nordsyrien aktiv kämpft. Die YPJ ist neben der YPG eine der beiden wichtigsten Streitkräfte in Rojava. Sie umfasst sowohl Männer als auch Frauen und beinhaltet im Gegensatz zur YPG die auch andere ethnoreligiöse Gruppen Nordsyriens.

IRAK

Die Parteien DKP und PUK und die Peschmerga- Einheiten

  • Demokratische Partei Kurdistans (DKP) ist eine kurdische Partei, die seit 1979 von Präsidenten Masud Barzani geführt wird. Die Partei wurde am 16. August 1946 gegründet. Sie ist neben der sich in Opposition befindenden Patriotischen Union Kurdistans (PUK) die erste große kurdische Partei in der Autonomen Region Kurdistan. Nach eigenen Angaben strebt die DPK weder einen souveränen kurdischen Staat noch eine Vereinigung mit dem türkischen oder iranischen Teil Kurdistans an, sondern innere Autonomie innerhalb eines föderalen Irak.

  • Am 25. September 2017 ließ Masud Barzani ein Unabhängigkeitsreferendum durchführen. 92% der Bevölkerung stimmten für die Unabhängigkeit der autonomen Gebiete. Dies wurde als Provokation verstanden und irakische Truppen nahmen sofort umstrittene Gebiete, unter anderem Kirkuk und den Mosul-Staudamm, ein. Darauf trat Masud Barzani auf den 1. November 2017 von der Präsidentschaft der ARK zurück.

  • Peschmerga sind die Streitkräfte der autonomen Region Kurdistan. Peschmerga bedeutet, diejenigen, die dem Tod ins Auge sehen und sie existierten bereits als tribaler pseudomilitärischer Grenzschutz unter den Osmanen. Da der irakischen Armee nach irakischem Recht die Einreise in die Region Kurdistan verboten ist, sind die Peschmerga für die Sicherheit der Region verantwortlich. Die Peschmerga-Truppe ist selbst weitgehend gespalten und wird von den beiden regionalen politischen Parteien getrennt kontrolliert.

  • Während des Irak-Krieges sollen Peschmerga eine Schlüsselrolle bei der Mission zur Gefangennahme von Saddam Hussein gespielt haben; 2004 nahmen sie die Schlüsselfigur Hassan Ghul gefangen, die die Identität des Boten von Osama Bin Laden enthüllte, was schließlich zur Operation Neptun Speer und zum Tod von Osama Bin Laden führte.

  • Eines der ältesten Völker der Welt; schon vor über viertausend Jahren in sumerischen Texten erwähnt
  • Woher der Name „Kurde“ entstanden ist, darüber streiten sich Gelehrte bis heute
  • Ursprünglich nomadisches Bergvolk
  • Eine einheitliche kurdische Sprache gibt es nicht
  • Ab dem 7. Jahrhundert islamisiert; davon heute etwa 80% sunnitischen Glaubens, 20% sind Aleviten, Shiiten, Jesiden oder Christen

Die kurdische Bevölkerung ist aufgeteilt auf die Türkei, den Iran, den Irak, Syrien und auf kaukasische Gebiete der ehemaligen Sowjetunion. Wirklich zuverlässige Angaben über die Zahl der heute lebenden kurdischen Bevölkerung liegen nicht vor. Schätzungen belaufen sich auf 24 bis 50 Millionen, die zum Großteil auf die Türkei entfallen.

Über die Vergangenheit der Kurden und ihre ursprünglichen Lebensformen gibt es wenig verlässliche Quellen. Die kulturellen Wurzeln der Vorfahren der Kurden liegen überwiegend in den altiranischen und altindischen Zivilisationen begründet. Demnach würden sowohl eine gewisse Verehrung von Naturelementen wie Feuer und Wasser, als auch Reste aus den Lehren des persischen Religionsstifters Zarathustra im kurdischen religiösen Leben heute noch eine gewisse Rolle spielen.

Alle Kurden, auch die im europäischen oder amerikanischen Exil, feiern am 21.März das Neujahr, als   “Nowruz“.  So wie der 21. März als Tag- und Nacht-Gleiche auch bei Germanen, Kelten und Slawen als Frühlingsbeginn gefeiert wurde und noch heute mit dem Frühlingsbrauchtum des Osterfestes zusammenhängt, ist auch das Neujahrsfest ‚Nowruz‘ der Kurden als Wechsel der Jahreszeiten zu verstehen.

Mitten im Brennpunkt des Nahen Ostens! Geografisch lässt sich Kurdistan nicht genau definieren. Das Siedlungsgebiet wird nicht nur von Kurden, sondern auch von vielen anderen Ethnien bevölkert, während viele Kurden auch außerhalb der kurdischen Gebiete leben. Eine Karte Kurdistans, die von allen Völkern der Region akzeptiert würde, existiert nicht. Die Staaten, zu deren Territorien die kurdischen Gebiete gehören, versuchen stets eine solche Abgrenzung und Begriffsbildung nicht entstehen zu lassen. Dennoch existiert seit über tausend Jahren eine Region dieses Namens.  Als „Land der Kurden“ wurde eine Provinz des persischen Reiches bezeichnet, in der die türkischstämmigen Seldschuken herrschten. Vom 11. bis zum 13. Jahrhundert übten sie die Macht über weite Teile des Vorderen Orients aus. Auch im Osmanischen Reich gab es eine Provinz mit dem Namen Kurdistan.

Die umstrittenen kurdischen Gebiete des Nordiraks

Mit dem Entstehen des Islams und seiner raschen Ausbreitung im 7. Jahrhundert n. Chr. wird die Geschichte der Kurden an Hand von Dokumenten nachvollziehbar. Im Zuge dieser muslimischen Expansion wurden die Kurden ebenfalls islamisiert. Es entstanden nun in verschiedenen kurdischen Regionen und Städten kurdisch-islamische Dynastien.

Beim Mongoleneinfall in Vorderasien zu Beginn des 13. Jahrhunderts n. Chr. wurden große Teile Kurdistans von den Reiterhorden erobert. Mit ihm gelangten türkische Völkerschaften nach Westen. Sie kamen teilweise als Vertriebene, die vor den Reiterhorden der Großkhane flohen, zum Teil zogen sie selbst in den Mongolenheeren mit. Diesen Völkern, zum Beispiel den Ogusen, gelang es in Kleinasien, verschiedene Herrschaften zu errichten. In den folgenden Jahrhunderten prägte vor allem das Osmanische Reich, das vom 14. Jahrhundert bis 1922 bestand, die Geschichte der Kurden. Zwischen den alteingesessenen kurdischen Herrscherfamilien und dem türkischen Sultanat wurden teilweise Autonomievereinbarungen getroffen. Die osmanische Verwaltung hatte in Kurdistan nur geringen Einfluß. Im persischen Teil Kurdistans gab es ebenfalls autonome Herrschaften. Im Mittelalter stellten die Kurden mit Sultan Saladin, der die Kreuzfahrer aus Jerusalem vertrieb, eine der strahlendsten Herrschergestalten ihrer Geschichte. Zu dieser Zeit kämpften kurdische Kontingente in Syrien gegen die europäischen Ritter auf Seiten der muslimischen Araber.  Bis heute wird Saladin als die herausragende Persönlichkeit der kurdischen Nationalgeschichte verehrt.

Im 16. Jahrhundert wuchs das Interesse der benachbarten Großreiche an den Kurdengebieten. Die Safawiden, die Persien beherrschten, und die Osmanen versuchten, dort die Herrschaft zu übernehmen. Besonders die schiitischen Safawiden gingen hart gegen die größtenteils sunnitischen Kurden vor. Die Kurden hielten sich an die ebenfalls sunnitischen Osmanen und leisteten ihnen Waffenhilfe. Dafür und gegen einen Tribut durften sie Fürstentümer gründen, die sie autonom verwalten konnten. Etwa 300 Jahre lang, bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts, existierten diese kurdischen Fürstentümer auf beiden Seiten der Grenze zwischen Persien und der Türkei. Die Trennlinien der beiden Nachbarländer verliefen dadurch fließend. Unbehelligt zogen nomadisch lebenden kurdischen Hirten von einer Seite auf die andere. Mit dem beginnenden Kollaps des Osmanischen Reiches im 19. Jahrhundert traten Reformen in Kraft, die den Einfluss der lokalen Machthaber schwächten. Erst kurz vor dem 1.Weltkrieg legten Persien und die Türkei einen genauen Grenzverlauf fest. Während dieser 300 Jahre kam es in den weitgehend autonomen Kurdengebieten immer wieder zu Versuchen, sich ganz von der jeweiligen Zentralgewalt zu lösen, die jedoch allesamt niedergeschlagen wurden.

Der Wunsch, eine Nation zu bilden war dennoch schon lange im kurdischen Volk lebendig. 1898 wurde die erste kurdisch- und osmanischsprachige Zeitung „Kürdistan“ durch einen kurdischen Verleger gegründet. Ihre Verbreitung wurde jedoch im Osmanischen Reich verboten. In der Türkei und in Persien reagierten die Zentralregierungen auf die nationalen Bestrebungen der Kurden mit der Unterwerfung ihrer autonomen Fürstentümer.

Im Ersten Weltkrieg schlug sich das Osmanische Reich auf die Seite der Mittelmächte Deutschland und Österreich-Ungarn. Die Kriegsgegner England, Frankreich und Russland versuchten das Osmanische Reich von innen anzugreifen, indem sie den nichttürkischen Volksgruppen die Unabhängigkeit versprachen. Nach der Niederlage der Mittelmächte und ihrer Verbündeten wurde im Friedensvertrag von Sèvres die Landkarte in Kleinasien und im Nahen Osten neu gestaltet. Im Mittelpunkt sollte das Selbstbestimmungsrecht der Völker stehen. Das Osmanische Reich musste einen Großteil seiner Gebiete abgeben. Große Hoffnung auf einen eigenen Staat der Kurden keimte nun auf. Kurdistan wurde die Autonomie zugesichert, wenn auch in einem deutlich kleineren Gebiet. So wurde die erdölreiche Region um Mosul unter britisches Mandat gestellt. Die Kurden sollten ein Jahr Zeit bekommen, um dem Völkerbund den Nachweis ihrer Staatsfähigkeit zu erbringen.

Doch so weit kam es nicht, denn der Friedensvertrag wurde nie umgesetzt. Die türkische Nationalbewegung unter Mustafa Kemal Atatürk verhinderte die Verwirklichung. Der neugegründete türkische Staat wurde im Vertrag von Lausanne von den Alliierten akzeptiert. Die Kurden, immerhin die größte Minderheit im Land, wurden in dem Vertrag nicht erwähnt. Von einem eigenen Staat war keine Rede mehr, ihr Gebiet wurde zwischen der Türkei, dem Irak und dem Iran aufgeteilt. Die türkische Regierung leugnete schließlich sogar die Existenz der Kurden. Man verbot die Sprache und Kultur und versuchte auf diese Weise die Kurden auszulöschen.

Vor allem in der Türkei und im Irak kam es immer wieder zu Aufständen bis ins ausgehende 20. Jahrhundert hinein. Alle kurdischen Vereinigungen wurden verboten. Es kam zu Umsiedlungen und Deportationen, um die Stammesstrukturen zu zerschlagen. Auch im Iran kämpfen die Kurden um ihre kulturelle Autonomie.