[:de]Am 10. November 1995 wird Ken Saro-Wiwa von einem nigerianischen Militärtribunal hingerichtet.

Der Schriftsteller war Vorsitzender der MOSOP, der Bewegung für das Überleben der Ogoni. Mit dieser Institution protestierte er friedlich gegen die katastrophalen Folgen der Erdölförderung. Denn: Seit den 1950er Jahren war der Ölkonzern Shell im Nigerdelta tätig. Bohrungen und Fördertätigkeiten verseuchten die Felder der 500.000 dort lebenden Ogoni und vergifteten ihr Trinkwasser.

Nachdem er bereits 1992 ohne Begründung eingesperrt worden war, wurde Saro-Wiwa nach einem von ihm organisierten Protestmarsch, an dem mehrere 100.000 Ogoni teilnahmen, erneut vom nigerianischen Militärregime festgenommen. Zahlreiche Ogoni wurden verhaftet, gefoltert und erschossen. Ihre Dörfer wurden niedergebrannt. Während der Gefangenschaft erhielt Ken Saro-Wiwa für seinen Einsatz den Alternativen Nobelpreis und den Goldman-Umweltpreis verliehen. Dann wurde auch er sowie acht andere Ogoni-Führer gehängt.

Die GFBVÖ schaltet sich ein

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Die GFBV-International tritt mit Banner gegen Shell auf

Für den GFBVÖ-Vorstand war es offensichtlich, dass der Shell-Konzern an diesen politischen Morden Mitverantwortung trug. Darum forderte er ein Ölembargo und den Abbruch der diplomatischen Beziehungen zwischen Österreich und Nigeria mit dem Ziel, die Menschenrechtssituation der Ogoni zu verbessern. Noch im November 1995 organisierte die GFBVÖ eine Demonstration vor der nigerianischen Botschaft in Wien und demonstrierte gemeinsam mit Greenpeace vor dem Shell-Büro.

Die GFBVÖ übersetzte Ken Saro-Wiwas letzte Rede vor dem Militärtribunal und druckte sie in der Zeitschrift Bedrohte Völker ab. Shell warf sie vor, sich den Profit mit dem nigerianischen Regime zu teilen.

Im November 1996 publizierte die GFBVÖ eine Bedrohte Völker-Spezialausgabe, die die Bedingungen zeigte, unter denen die Ogoni eingesperrt waren. Außerdem warnte sie vor den drohenden Hinrichtung 19 weiterer Aktivisten und legte die Rolle dar, die der Shell-Konzern im Konflikt innehatte. Dem Heft war eine Protestkarte beigelegt, in der von Shell verlangt wurde, seine Mitverantwortung zur Kenntnis zu nehmen und Schadenersatz zu leisten.

 

GFBV FINDET ANDERE MR-VERSTÖSSE VON SHELL IN PERU UND TSCHAD

Nach den Aufdeckungen von Menschenrechtsverstößen in Nigeria, entdeckte die Gesellschaft für bedrohte Völker weitere Verstöße von Shell in anderen Ländern. So führte Shell bereits 1997 Probebohrungen in einem Reservat für „unkontaktierte IndianerInnen“ in Peru durch.

Beim Camisea-Gas-Projekt in Zentralperu zeigte sich das Ausmaß der schwerwiegenden Folgen durch Shells Eingriffe in die Umwelt. Die Bohrstellen in Camisea verschmutzten das Wasser, was zu einem Aussterben der Fische führte. Ebenso klagten die Menschen aus Camisea,  dass ihr lebensnotwendiger Fluss voller Abfall, Holz und Sand sei. Shells Antwort war bloß, dass sie eine Studie über die sozio-ökonomische Wichtigkeit von Fischen in Auftrag geben würden. Außerdem legitimierte Shell das Camisea-Projekt durch fehlerhafte Studien über die sozialen und ökologischen Auswirkungen. Diese Studien wurden erstellt von Organisationen, zum Teil von Shell finanziert wurden und die über keine Erfahrung mit unkontaktierten indigenen Völkern verfügten.Viele Betroffene konnten aufgrund ihrer eigenen gefährdeten Sicherheit nicht gegen Shell antreten.

ShellmitarbeiterInnen übertrugen außerdem eingeschleppte Krankheiten auf die dort ansässigen Menschen, denn die Indigenen hatten zu diesem Zeitpunkt keine Abwehrkräfte gegen „neue“ Krankheiten entwickelt. Innerhalb kurzer Zeit starb beispielsweise die Hälfte der Nahua an Krankheiten wie Grippe.

Shell arbeitete in Peru eng mit dem Diktator-Regime Fujimoris zusammen. So sorgten beide Seiten, dass sie voneinander profitieren konnten. Das peruanische Regime ernannte beispielsweise neue Gesetze, von denen eines besagte, dass alle Arten von Protesten gegenüber Shell als Terrorismusakt gelten. So bestand die Gefahr im Eilverfahren durch das Militär bestraft werden zu können. Shell zahlte zwar Kompensationszahlungen an die peruanische Regierung, jedoch erhielt die indigenen Bevölkerung nichts davon. Statt eines Dialogs auf Augenhöhe wurde die indigene Bevölkerung stets von Shell bevormundet. Durch die Unterstützung des Regimes verstärkte Shell die internen Konflikte im Land.

Shell im Tschad

Im Tschad schloss sich Shell mit Esso und Elf-Aquitaine zusammen. Ein Umweltgutachten wurde erst nachträglich erstellt. Vereinbarungen waren schon unterschrieben und die Probebohrungen hatten bereits begonnen. Die einheimische Bevölkerung wurde erst darüber unterrichtet, was auf sie zukommt, als die ÖlmitarbeiterInnen mit Militärschutz schon unterwegs waren. Die sozialen und ökologischen Folgen waren ähnlich wie die in Nigeria und Peru.

 

PROJEKTE: PROTESTKARTEN, SITZUNG MIT SHELL-VERTRETERINNEN, AUSSTELLUNG KUNST UND ENGAGEMENT

Die GFBVÖ setzte sich mit einigen Kampagnen gegen die Ausbeutung in Peru durch Shell ein

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Die GFBVÖ übergibt die Petition an Shell-Österreich C: GFBVÖ

Nach der Ermordung von Ken Saro Wiwa startete die GFBVÖ eine Briefkampagne. Das Ziel der Kampagne war 19 zu Unrecht inhaftierte Ogoni in Nigeria vor dem Tod zu retten. Weiters sollte Shell sich um eine rasche Beseitigung der Umweltschäden im Nigerdelta kümmern sowie mit der politischen Vertretung der Ogoni die Bedingungen der weiteren Ölförderung verhandeln. Es wurden 7000 Protestkarten geschrieben. Die Protestkarten wurden an Shell Österreich überreicht, um an Shell International weitergegeben zu werden. Denn Shell Österreich als Partner von Shell International ist dadurch auch für die  Einhaltung der Menschenrechte zuständig.

 

 

 

Um den Druck auf Shell zu erhöhen lud die GFBV-Deutschland zu einer Pressekonferenz mit namhaften ExpertInnen und Shell-VertreterInnen. Über aktuelle Entwicklungen im Nigerdelta informierten Lazarus Tamana von der MOSOP-London (Movement for the Survival of the Ogoni People), Ulrich Delius, der Nigeria-Experte der GFBV, sowie Ass. Prof. Dr Rene Kuppe, Rechtswissenschaftler der Universität Wien, der den Bereich „Rechte indigener Völker” betreut. In dieser Pressekonferenz sollte Shell zur Verantwortung gezogen werden.

Pressekonverenz von link: Ulrich Delius (Vertreter GFBV-Deutschland), Lazarus Tamana (Vertreter MOSOP), Robert Glattau (GFBV-Österreich), DR. René Kuppe (Menschenrechtsanwalt und Professor der Universität Wien)
Pressekonferenz (von links): Ulrich Delius (GFBV-Deutschland), Lazarus Tamana (Vertreter MOSOP), Robert Glattau (GFBV-Österreich), DR. René Kuppe (Menschenrechtsanwalt und Professor der Universität Wien)

 

Durch die Petiton, die Pressekonferenz sowie den permanenten Druck der GFBVÖ und der GFBV-Deutschland sowie durch die enge Zusammenarbeit mit VertreterInnen der Ogoni, der MOSOP-Partei, konnten die inhaftierten Ogoni gerettet werden.

 

 GFBV-International und Künstler treten gemeinsam gegen Shell auf

"Entwurf für einen Freiheutskämpfer" als Symobol für den Freiheitskämpfer Ken Saro- Wiwa c. Alois Schild
“Entwurf für einen Freiheitskämpfer” als Symobol für den Freiheitskämpfer Ken Saro- Wiwa C: Alois Schild

Drei namhafte Künstler engagierten sich besonders im Zuge der GFBV-Deutschland Kampagne. Miguel Horn, Heinz Placek und Alois Schild setzten sich in ihren Werken mit der von der GFBV aufgeworfenen Problematik der Menschenrechte und Naturzerstörung in Nigeria auseinander. Die Künstler betonten die Notwendigkeit, Kunst als Reaktion auf aktuelle Ereignisse einzusetzen und damit Bewusstsein schaffen. Der Bildhauer Miguel Horn, der in Chile geboren wurde, und dessen Werke durch Besuche bei den Mapuche geprägt sind, tritt mithilfe seine Werke für Unterdrückte ein.

 

Künstler Heinz Placek vor seinen Werken während der Pressekonferenz
Künstler Heinz Placek auf der Presekonferenz, im Hintergrund seine Werke
C: GFBVÖ

 

 

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Die Tanzmaske: Für viele AfrikanerInnen steht die Maske für die böse Verwandlung eines Menschen. Heinz Placek inszenierte sie als Symbol für Shell. C: Heinz Placek

 

"Humanid" von Miguel Horn
“Humanid” von Miguel Horn

Der Tiroler Bildhauer und Objektkünstler Alois Schild setzt sich mit seinen imposanten Eisenskulpturen mit aktuellen gesellschaftlichen Themen auseinander, so auch mit der Ölausbeutung von Shell in Nigeria und Peru.

Die Künstler arbeiteten eng mit der GFBV-Deutschland zusammen, um sich gemeinsam für das Volk der Ogoni zu engagieren und die Ausbeutung von Shell zu stoppen. Ebenso sollte der Widerstandskämpfer Ken Saro Wiwa geehrt werden.

Weitere Entwicklungen

Im September 1998 wurden die Ogoni, deren Befreiung die GFBVÖ gefordert hatte, aus der Haft entlassen. Sie waren gefoltert worden und hatten unter katastrophalen Gesundheitsbedingungen gelitten. Außerdem waren zu Jahresbeginn auf einer Kundgebung 25 weitere Ogoni festgenommen worden, deren Freilassung die GFBVÖ neuerlich verlangte.

Im Folgejahr informierte die GFBVÖ mittels eines UN-Berichts über Nigeria, in dem die gegen Menschenrechte verstoßende Zusammenarbeit zwischen Konzern und Regierung im Nigerdelta angeprangert wurde, sowie einen geplanten Pipelinebau vom Tschad nach Kamerun, an dem Shell beteiligt war.

Zum fünften Jahrestag des Todes von Ken Saro Wiwa berichtete die GFBVÖ über die „Ruhe“ im Nigerdelta. Nach dem Sturz der Militärregierung in Nigeria hatte sich die Menschenrechtslage verbessert und die inhaftierten Ogoni waren wieder frei.

Präsident Olusegun Obasanjo hatte erwirkt, dass Geld aus dem Ölexport zurück in die Region floss, die zunehmende Verarmung konnte dieses Zugeständnis trotzdem nicht aufhalten. Die Menschen versuchten daher Leitungen anzuzapfen und Öl abzupumpen. In diesem Jahr starben dadurch allein 1.200 Menschen durch Explosionen und andere Unfälle. Andere wurden für diese Vergehen und Proteste, die auf ihre Lage aufmerksam machen sollten, von Polizei und Paramilitärs gewaltsam ergriffen und festgehalten. Darunter war auch Ledum Mitee, der Nachfolger Ken Saro-Wiwas als Führer der MOSOP.

Die GFBVÖ rief zu Briefapellen an den nigerianischen Präsidenten auf. Sie schlug friedliche Verhandlungen mit Vertretern der Region vor und forderte eine stärkere Beteiligung ihrer BewohnerInnen an den Erdölprofiten.

2001 wurde bekannt, dass Shell das deutsche Büro der GFBV im Jahr 1996, also während der ursprünglichen Aktionen nach der Ermordung von Ken Saro-Wiwa, ausspioniert hatte. Ein Filmemacher wurde mit dem Vorwand eine Dokumentation über den Fall drehen zu wollen, eingeschleust. Sein wahres Ziel war es aber herauszufinden, welche Aktionen die GFBV zum ersten Jahrestag von Saro Wiwas Tod plante. In einem offenen Brief verlangte die GFBV Deutschland eine Entschuldigung von Shell, die jedoch nie kam.

Und heute?

Die Hinterbliebenen der neun im Jahr 1995 getöteten Ogoni mussten lange warten. Shell stritt über ein Jahrzehnt seine Mitschuld ab, doch 2009 erklärte sich der Konzern bereit, insgesamt rund 15,5 Millionen Dollar als Entschädigung zu zahlen. Diese Einigung bezeichnete er allerdings als „humanitäre Geste“, und betonte, dass er mit den Gewalttaten nichts zu tun gehabt hätte.

Im Vorjahr berichtete Greenpeace von Öllecks, die im Ogoniland regelmäßig auftreten und auch in den öffentlichen Aufzeichnungen von Shell vermerkt sind. Bereits 2011 veröffentlichte UNEP, das Umweltprogramm der Vereinten Nationen, einen Bericht zu diesen Lecks, dessen Empfehlungen allerdings noch immer nicht umgesetzt wurden. Greenpeace schätzt, dass es 25-30 Jahre dauern wird, um diese Umweltschäden aufzuräumen.

Bis heute kämpfen die Ogoni im Nigerdelta darum, ihr Land wieder frei nützen zu können. Legborsi Saro Pyagbara, Präsident der MOSOP, kritisierte am Weltumwelttag 2015 die jahrzehntelange Zerstörung der Natur, die alle Lebensbereiche der Ogoni-Gemeinschaft negativ beeinflusst. Er warf der nigerianischen Regierung Untätigkeit vor und verlangte die Einrichtung eines Umweltfonds, mit dessen Hilfe die nötigen Maßnahmen finanziert werden sollten.

Nach einem weiteren Pipelinebrand im September 2016 begann die MOSOP mit der Einrichtung einer Liste von Fach- und Arbeitskräften in Ogoniland, die bei den Aufräumarbeiten zum Einsatz kommen könnten.[:]