WELTGIPFEL DER VÖLKER ZUM KLIMAWANDEL UND DEN RECHTEN DER MUTTER ERDE - ein Bericht
Die GfbV unterstützte die Teilnahme von Robert Lessmann an der Klimakonferenz in Cochabamba.
(20.-23. April 2010, Cochabamba, Bolivien)
„Ein Leben im Einklang mit der Natur ist nicht möglich, wenn ein Prozent der Menschheit 50 Prozent des Reichtums konzentriert“, sagte der bolivianische Präsident und Gastgeber des Gipfels, Evo Morales Ayma in seiner Eröffnungsrede. In seinem kapitalismuskritischen Diskurs stellte er westlichem Denken („Macht euch die Erde untertan!“) ein indigenes Menschenbild als Alternative entgegen, das den Mensch als Teil der Natur betrachtet. Vizepräsident Álvaro García Linera warnte in seinem brillanten Vortrag auf einem der insgesamt 17 Foren, dass man die Natur nicht als Werkzeug begreifen dürfe, sondern als etwas Lebendiges. Der Mensch sei nur ein Teil davon und müsse sein Handeln nach dem Prinzip der andinen Reziprozität ausrichten: Als ständiges Geben und Nehmen.
Vertreter von 47 Regierungen und Repräsentanten der Zivilgesellschaft aus 142 Ländern fordern in ihrer Abschlusserklärung unter anderem:
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Verbindliche Reduzierung der Treibhausgase
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die eine Begrenzung der Klimaerwärmung auf 1-1,5 Grad Celsius ermöglichen.
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Einrichtung eines internationalen Klimatribunals gegen Verstöße gegen diese verbindlichen Normen.
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Verabschiedung einer „Allgemeinen Erklärung der Rechte der Mutter Erde“ (nach dem Vorbild der UN Menschenrechtscharta).
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Anerkennung der historischen Klimaschuld durch die Industrieländer.
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Durchführung eines weltweiten Referendums zur Unterstützung dieser Forderungen.
Das kapitalistische Wachstumsmodell mit seiner seit der industriellen Revolution beschleunigten Ressourcenausbeutung sei gescheitert und habe die Erde an die Grenzen der Belastbarkeit gebracht, sagte Evo Morales. Doch auch das Modell des Sozialismus sowjetischer Prägung, das den Kapitalismus noch überholen habe wollen, sei keine Alternative, betonte Morales auf der Abschlusskundgebung im gut gefüllten Stadion Félix Capriles von Cochabamba, die an dem im Jahr 2009 auf bolivianische Initiative geschaffenen Internationalen Tag der Mutter Erde (22.4.) stattfand: „Die Welt kann von uns indigenen Völkern das harmonische Zusammenleben mit der Natur lernen.“
Morales hatte die Initiative zu diesem Gipfel der Völker ergriffen, nachdem der Klimagipfel der Präsidenten von Kopenhagen im letzten Herbst gescheitert war. Mit 35.000 Besuchern aus aller Welt übertraf die Resonanz bei weitem die Erwartungen der Veranstalter. Vertreten waren auch Delegationen indigener Völker aus allen Kontinenten. Ovationen erntete die Vertreterin der nordamerikanischen Indigenen aus Alaska, als sie in ihrer Begrüßungsrede sagte: „Der Imperialismus hat uns Indigene auslöschen wollen. Aber wir sind noch immer hier!“ Cochabamba war ein starkes Signal aus dem Süden angesichts fortgesetzten Politikversagens in Sachen Klimaschutz. Nie zuvor war Bolivien Gastgeber für eine so große internationale Veranstaltung. Auch wenn die Beschlüsse von Cochabamba den Ankündigungen der Veranstalter entsprachen und die Liste der hohen Staatsgäste auf die Mitgliedsstaaten der ALBA-Initiative beschränkt blieb (auch die großen Nachrichtenagenturen der Welt hängten den Gipfel betont niedrig): Das Signal von Cochabamba wird den Druck auf den Klimagipfel von Cancún/ Mexiko erhöhen, der Ende dieses Jahres stattfinden wird. Bei der Vorbereitung des Cancún-Gipfels in Bonn hatte die bolivianische Diplomatie erreicht, dass die Frist zur Einreichung von Vorschlägen bis zum 26. April verlängert wurde, damit die Vorschläge von Cochabamba dort noch berücksichtigt werden können.
Aus der Abschlusserklärung:
„Wir schlagen den Völkern der Welt die Wiedergewinnung, die Neubewertung und die Stärkung des Wissens, der Weisheiten und der Praktiken der indigenen Völker vor, wie sie sich im Vorschlag des „Guten Lebens“ (!vivir bien!) ausdrückt, im Rahmen dessen die Mutter Erde als lebendiges Wesen angesehen wird, mit dem eine unteilbare Beziehung wechselseitiger Abhängigkeit, Komplementarität und Spiritualität besteht.
Robert Lessmann, Cochabamba, Bolivien.
Von Robert Lessmann, ist soeben erschienen: „Das neue Bolivien. Evo Morales und seine demokratische Revolution“, Rotpunktverlag, Zürich, 2010, 252 Seiten, €21.50. |