Die Säule der Schande

Zum 15. Jahrestag des Massakers von Srebrenica

Gefordert haben die Mütter von Srebrenica das Mahnmal schon 2007. Das „Zentrum für Politische Schönheit“ hat diese Idee aufgegriffen und setzt sie nun zum 15. Jahrestag des Massakers von Srebrenica in die Tat um. Die 8 Meter hohe und 16 Meter lange „Säule der Schande“ in Form der Buchstaben „U“ und „N“, den Initialen der Vereinten Nationen, die dieses Massaker nicht verhindert haben, wird nun bei der Hinrichtungsstätte Potocari nahe Srebrenica errichtet. 16.744 Schuhe werden symbolisch für die 8.372 bosnischen Söhne, Ehemänner, Brüder und Väter, die bei dieser Massenexekution ums Leben kamen, in die „Säule der Schande“ einbetoniert, und ihre Namen am Sockel der Betonskulptur eingraviert.

„Ich bin der Meinung, dass dieses Mahnmal sowohl einen Kampf gegen das Vergessen als auch eine Mahnung darstellen wird, dass die UNO effektiver und handlungsfähiger sein sollte, damit sich Srebrenica niemals und nirgends wiederholt. Deshalb unterstütze ich die Initiative des Zentrums für Politische Schönheit ( www.pillarofshame.eu)“, sagt Fadila Memiševic, die erst vor kurzem für ihre langjährige Menschenrechtsarbeit als Direktorin der Gesellschaft für bedrohte Völker, Sektion Bosnien und Herzegowina (GfbV-BiH), mit dem diesjährigen „Merhamet-Preis“ der Stiftung Muradif Cato ausgezeichnet wurde.
(Siehe BV Nr. 2/2010, Seite 3)

Mitte Mai erfuhren Amela Delic und Alen Velagic in Österreich von dem Projekt „Säule der Schande“ und beschlossen ganz spontan sich daran zu beteiligen. Über die Onlineplattform Facebook wurden erste PR-Maßnahmen organisiert. Und so kam es zu einem Zusammenschluss unter dem Namen „Aktion Österreich“. Landesweit begannen interessierte Bosnier im Burgenland, Niederösterreich, Oberösterreich, Kärnten, in der Steiermark und Wien Schuhe zu sammeln. Die in Schwanenstadt, Oberösterreich, lebende Mejrima Heric war eine von ihnen : „Meine Motivation dahinter war, dass dieses schreckliche Ereignis nicht nur bei den BosnierInnen wieder ins Bewusstsein rückt, sondern auch bei der Bevölkerung in Österreich. Dieses Verbrechen ist noch kein historisches Ereignis geworden. Es ist vielmehr ein gegenwärtiges Problem für die Hinterbliebenen und zukünftige Generationen. Die Bosniaken erleben seit mehr als 100 Jahren Verfolgung und Deportation auf dem gesamten Gebiet des ehemaligen Jugoslawien. Deswegen darf das jüngste Ereignis nicht einfach abgehackt werden.“

So konnte die österreichische Sektion der Gesellschaft für bedrohte Völker 2.252 Paar Schuhe sammeln – mehr als ein Viertel der Schuhe, die für das Mahnmal benötigt werden. Auf die Frage, warum sie sich eigentlich an dieser Aktion beteiligt habe, antwortet die jetzt mit ihrer Familie in St. Pölten lebende Bosnierin Dijana Osmanovic : „Ich mache bei dieser Aktion aus Verantwortung gegenüber meiner Vergangenheit und Zukunft mit. Srebrenica zeichnet nicht nur das Sterben von 10.000 bosniakischen Männern und Jugendlichen in Bosnien, sondern auch das erneute Versagen der Vereinten Nationen nach dem Massaker in Ruanda 1994.“

Die jungen Leute haben auch den Transport der Schuhe nach Berlin organisiert, wo am 11. Juli – dem 15. Jahrestag des Massakers von Srebrenica – auf dem Pariser Platz beim Brandenburger Tor der aus Bosnien, Österreich, der Schweiz, den USA und Deutschland stammende Schuhberg aufgehäuft wurde. Für Amela Delic, die jetzt im Burgenland lebt, ist diese Aktion eng mit der persönlichen Erinnerung ihrer eigenen Familiengeschichte verknüpft. „Durch das Massaker von Srebrenica verlor ich die gesamte männliche Verwandtschaft mütterlicherseits. Erst zehn Jahre nach der Ermordung fand man deren Knochen in Massengräbern. Ich bin mit dem Thema Srebrenica erstmals 2004 konfrontiert worden, als mein Großvater gefunden wurde und die Familie dann bei dem Begräbnis war. Irgendwie verstand ich nicht wirklich, was um mich passierte, dass die Frauen in Ohnmacht und dass so viele Leute einfach auf einem Platz waren und um so viele Leute trauerten. Als ich meinen Vater fragte, warum das passiert sei, gab er mir die Antwort, dass er es selbst nicht wüsste.“

Neben Amela Delic zählt Alen Velagic zu den österreichischen HauptakteurInnen der Aktion: „Der Fall Srebrenica war nicht nur eine einmalige Erscheinung in Ostbosnien. Es war vielmehr der Prozess einer Stadt, der kurz vor dem Abkommen von Dayton zu Ende ging. All das, was in Srebrenica zwischen 1992 und 1995 passierte, geschah auch in Sarajevo, Tuzla, Bihac, Goražde, Žepa, Foca, Bugojno, Travnik, Zenica, Doboj, Banja Luka, Prijedor, Brcko, Bijeljina etc. Das Land wurde vom großserbischen Aggressor überrannt und besetzt. Siedlungsgebiete mit nicht serbisch-orthodoxem Glauben bzw. serbisch-orthodoxer Nation gesäubert. Männer in Konzentrationslager gepfercht, Frauen vergewaltigt oder an Ort und Stelle ermordet. Ein Verbrechen, das beim Namen genannt werden muss: Genozid! Es ist eine Tatsache der sich die Bevölkerung in Bosnien bewusst sein muss. Deswegen ist dieses optische Symbol, diese ‚Säule der Schande' so wichtig und deswegen mache ich auch mit bei dieser Aktion“, betont Alen.

Tatkräftig unterstützt wurden die aus Bosnien-Herzogowina stammenden Jugendlichen von Studierenden der evangelisch-theologischen Fakultät in Wien, die von Anfang an dabei waren. Unter Mitwirkung von Jeannine Rainer und Florian Sterneder ging die Initiative von Alex Lieberich aus. Alex hatte Fadila Memiševic, die Direktorin der GfbV-BiH, im Zuge ihres letzten Österreichbesuches persönlich kennen gelernt und von ihr Informationen aus erster Hand bekommen. „Und das hat mich eigentlich sehr bewegt. Also die Geschehnisse damals in Srebrenica selber hab ich ja kaum mitgekriegt. Wir haben wohl zwei Serben in der Klasse gehabt, die geflohen sind aus der Gegend, aber selber noch Kinder waren. Aber jetzt hab ich mich eigentlich durch die Bekanntschaft mit Frau Memiševic damit noch einmal auseinander gesetzt und war wirklich sehr betroffen“, sagt Alex Lieberich, der sogar die Fachschaft der evangelisch-theologischen Fakultät Wien davon überzeugen konnte, sich an der Aktion zu beteiligen. Fachschaftsvertreter Gergely Csurás: „Wir haben dann in der Sitzung darüber gesprochen, und es hat eine Diskussion gegeben. Und mit knapp über 50% haben wir dann zugestimmt, weil viele Leute waren sich auch unsicher, ob sie jetzt da wirklich mitmachen sollen, weil es doch auch politische Implikationen hat, und viele Leute kennen sich dann auch nicht so gut aus, aber ich persönlich bin auch froh darüber, dass wir da mitgemacht haben, und erst danach hab ich dann erfahren, dass der Bischof Bünker da auch mitmacht.“

Der evangelische Bischof Dr. Michael Bünker (siehe folgendes Interview) war einer der ersten hochrangigen Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, die sich spontan bereit erklärt haben, sich mit einer persönlichen Schuhspende an der Aktion zu beteiligen. „Die Schuhe, die wir hier zusammentürmen, sind ja unsere eigenen Schuhe. Es sind ja eigentlich die Schuhe der Passanten, die vorbei gegangen sind, die weggeschaut haben. Und von daher ist es auch ein Symbol von unserer Schuld: dass mitten in Europa dieses schreckliche Verbrechen von Srebrenica möglich war, eine offene Wunde, und insofern sind die Schuhe auch ein Zeichen unserer Schande“, so der evangelische Bischof, der für die „Säule der Schande“ ein Paar Waldviertler -Schuhe gespendet hat – Schuhe mit einer ganz speziellen persönlichen Konnotation. „Für mich sind die Waldviertler -Schuhe nicht nur ein Stück Regionalität und Beheimatung, sondern sie sind auch von der ganzen Geschichte her, des Betriebes und der Philosophie, die dahinter steht, für mich auch ein Beispiel wie unter den heutigen Bedingungen gewirtschaftet werden kann, natürlich nicht paradiesisch, aber doch so, dass man es verantworten kann und ehrlicherweise vertreten kann, und außerdem sind es einfach großartige Schuhe, die einen ein Leben lang begleiten. Und jetzt hab ich mich das erste Mal von einem Paar getrennt – hab's aber für die Sache mit Überzeugung getan“, ergänzt Bischof Bünker.

Schuhe können aber im Zusammenhang mit Völkermord auch ganz andere Assoziationen hervorrufen. Vor allem im Zusammenhang mit Auschwitz. Da können Schuhe auch zu einem „Symbol für in den Tod gehen, ein Symbol für den Todesmarsch“ werden. Dieses Symbol verbindet die heute 74-jährige Helga Schröder mit ihren persönlichen Erinnerungen an den Holocaust: „Wir sind als Juden mit dem Judenstern gekennzeichnet worden, und bei einer Razzia hat man uns dann festgenommen, auf Lastwagen verfrachtet und in dieses Anhaltelager für Auschwitz gebracht. Meine Mutter und ich haben septischen Scharlach bekommen“. Diese Erkrankung und ein bürokratischer Fehler der Todesmaschinerie des Nazi-Regimes haben Helga Schröder und ihrer Mutter das Leben gerettet. Weil sie sich im Anhaltelager mit Scharlach angesteckt hatten, kamen beide in eine Quarantänestation. „Ich hab eine Ziehschwester gehabt, die war 7 Jahre alt, hat aber nicht Scharlach gehabt und ist dann vergast worden. Wir hingegen sind irrtümlich als nach Auschwitz deportiert abgehakt worden, waren also offiziell tot. Und so haben wir dann bis zum Schluss als so genannte U-Boote in Wien gelebt. Und wir waren 300 Frauen und Kinder, alle vorgesehen für Auschwitz. Straftransport hat man da gesagt. So wie es jetzt wieder zu den Straftransporten mit den Bosniern gekommen ist“, ergänzt die in Klosterneuburg lebende Überlebende des Holocaust Helga Schröder.

Der Wiener Yavuz Kurtumlus sieht die Beteiligung an der Aktion „Säule der Schande“ als seinen ganz persönlichen Beitrag gegen das Vergessen: „Ich hoffe, dass wir auf diesem Wege - mit Schuhen - die Mächtigen dieser Welt zur Verantwortung wachrütteln und dass wir als Weltöffentlichkeit endlich aufhören stumme Beobachter zu sein, falls Srebrenica irgendwo, irgendjemandem, irgendwann mal wieder geschehen sollte.“ Und Maida Ramic, der in Klagenfurt Schuhe gesammelt hat, meint : „Man kann die Vergangenheit nicht leugnen, denn sie holt einen immer wieder ein. Die „Säule der Schande“ setzt ein Zeichen für die zukünftigen Generationen, dass die Opfer von Srebrenica nicht in Vergessenheit zu geraten.“

weitere Informationen unter:

http://www.gfbv.de/inhaltsDok.php?id=1966

 

 

 

Gesellschaft für bedrohte Völker
06. Juli 2010

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