Interview mit Haris Hrle, Botschafter von Bosnien und Herzegowina, zur Säule der Schande
Alfred Brandhofer, Obmann der GfbV (AB): Welche Erinnerungen haben Sie an den Krieg im Allgemeinen und an Srebrenica im Besonderen?
Haris HRLE, Botschafter von Bosnien und Herzegowina (HH): Für mich war das ein richtiger Krieg, eine Attacke auf Geist und Körper, ein Versuch, Zeit und Raum zu zerstören. Nach diesen Erfahrungen verbinde ich Krieg nicht mit einem abstrakten Atomangriff, sondern mit dem Überfall auf Bosnien-Herzegowina und seine Bevölkerung. Zerstörung von Städten, Massenmord … Zerstörung von Gebetsstätten, von Seelen und Körpern, Folterungen und Demütigungen … Ich war während des ganzen Krieges in Bosnien-Herzegowina und habe noch immer Alpträume davon.
Srebrenica ist das Symbol totaler Zerstörung. In der bosnischen Sprache ist Srebrenica eine Verkleinerungsform, ein Nomen, das von Silber abgeleitet ist, auch eine Art mit Kindern zu flüstern. Jetzt aber, düster, grau und mit Skeletten übersät, ist es ein Synonym für Völkermord. Jeder Versöhnungsversuch muss mit Srebrenica beginnen. Geständnisse, Reue, Wiederversöhnung – das ist die zivilisatorische und kulturelle Reihenfolge.
AB: Waren Freuende von Ihnen oder Familienmitglieder unter den Opfern?
HH: Ja, aber als Botschafter von Bosnien Herzegowina kann ich darüber nicht sprechen.
AB: Wie sehen Sie heute den Konflikt?
HH: In Anbetracht meiner offiziellen Stellung kann ich folgendes sagen: Gegen Bosnien-Herzegowina wurde mit allen Mitteln von innerhalb und außerhalb Krieg geführt, ein geplanter Krieg, der auf Tötung und Vertreibung beabsichtigte und als letztes Ziel die Zerstörung der Eigenstaatlichkeit von Bosnien-Herzegowina hatte. Das Ergebnis: Als erstes kommen mir Völkermord und die gegenwärtige Position von Bosnien-Herzegowina als nichtständiges Mitglied des UN-Sicherheitsrats in den Sinn. Die Leute haben also überlebt, und hier denke ich an die Bewohner im weiteren Sinn, und der Staat hat überlebt.
AB: Was halten Sie von einer solchen Säule der Schande, oder von anderen Erinnerungsstätten an die Gräueltaten?
HH: „Die Wahrheit ist nicht erneuerbar, erneuerbar ist nur unser Festhalten daran.“, sagte ein lieber Freund, an den ich oft denke.
AB: Glauben Sie, dass Menschenrechtsgruppen wie die GfbV eine Rolle in (ethnischen) Konflikten stellen können?
HH: Jede Aktivität, die für Menschenrechte eintritt, ist auf gewisse Weise eigentlich eine Aktivität der Renaissance. Hat nicht die Renaissance die Menschen einander durch Kunst näher gebracht, ihnen geholfen, Autoritarismus und Diktatur ebenso zu widerstehen wie Absolutheitsansprüchen und fragwürdigen Wahrheiten? Die Ursprünge des Humanismus im Mittelmeerraum und die Renaissance und deren Folgen haben uns zu den Menschenrechten und zum freien Denken geführt. Menschenrechtsgruppen spielen auf diesem Weg ihre Rolle.
AB: Vielleicht haben Sie gehört, dass – neben vielen anderen Initiativen - die bosnische Sektion der GfbV sich aktiv bemüht, die für Kriegsverbrechen Verantwortlichen im internationalen Gerichtshof in Den Haag vor Gericht zu bringen. Wie beurteilen Sie diese Aktivitäten?
HH: Ich halte sie für Aktivitäten von humanistischem Charakter im Geist der Renaissance, nachdem (bildlich gesprochen) das finstere Mittelalter am Ende des 20. Jahrhunderts durch Tat und Untätigkeit zu Völkermord, mehrjähriger Belagerung und Zerstörung von Städten eines Landes geführt haben, das voll Wundern und Vielfalt ist ebenso wie es ein Gebiet des Lernens, Verstehens und deren Umsetzung war.
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