Interview mit dem evangelischen Bischof Dr. Michael Bünker zur Säule der Schande
Bischof Bünker (BB): Nachdem ich die Gesellschaft für bedrohte Völker schon lange kenne – schon seit den siebziger Jahren – und ihre Arbeit sehr schätze, habe ich den Aufruf gleich sehr ernst genommen, das Anliegen mit einer „Säule der Schande“ an den Volkermord und das Versagen der UN - Truppen in Srebrenica zu erinnern, hat mir das sofort eingeleuchtet und ich begrüße es sehr.
Franz Fluch, GfbV (F): Und wie war Ihre erste Reaktion auf das Mahnmal aus Schuhen?
BB: Unsere Bilder des Gedenkens sind ja sehr stark geprägt. Der Schuhberg hängt natürlich für mich immer unauslöschlich mit Auschwitz zusammen. So wollen wir auf der einen Seite die Singularität des Holocaust und der Shoa als den großen Tabubruch des 20. Jahrhunderts einschätzen und nicht relativieren. Deswegen habe ich auch erst ein bisschen überlegen müssen: Ist das Schuhesammeln jetzt etwas, wo man sich sagen muss, aha, das gibt es jetzt auch woanders? Aber die Schuhe, die wir hier zusammentürmen, sind ja auch unsere eigenen Schuhe. Es sind ja die Schuhe der Passanten, die vorbei gegangen sind, die weggeschaut haben. Und von daher sind sie auch ein Symbol für unsere Schuld. Dass mitten in Europa dieses schreckliche Verbrechen von Srebrenica möglich war, ist eine offene Wunde, und insofern sind die Schuhe auch ein Zeichen unserer Schande.
F: Dieses Verbrechen jährt sich am 11. Juli zum 15. Mal. Wir alle haben von diesem Massaker ja aus den Medien erfahren. Wie war damals Ihre erste Reaktion.
BB: Es war einfach der Gipfelpunkt all dieser ethnischen Säuberungen, die die Balkankriege durchzogen haben. Und man war darüber erschrocken, welche tödlichen Folgen die Nationalstaatsidee in Europa eigentlich bis hin zu diesen Konflikten hatte. Man kann nur hoffen, dass nie wieder Menschen auf die Idee kommen den Nationalstaat ? den sterblichen Gott hat das, glaub ich, der Philosoph Fichte einmal genannt ? in Krisenzeiten anzubeten. Leider erleben wir aber, dass genau das an vielen Stellen wieder aufflammt. Jetzt ist Europa ein Kontinent mit hunderten Minderheiten, historisch eng miteinander verbunden, ein Kontinent der ethnischen, der kulturellen und der religiösen Pluralität. Wenn es eine Lehre gibt, die man aus Respekt vor den Opfern und den Hinterbliebenen irgendwie daraus ziehen kann, dann kann es nur heißen, wir müssen lernen, mit den anderen zu leben, und sollten lernen das als eine Bereicherung zu empfinden und nicht als eine Bedrohung.
F: Und wie sehen Sie jetzt den Beitrag der Kirchen in Bezug auf die Zukunft. Sie haben vorhin erwähnt, es gibt heute nach wie vor Kriege. Inwieweit könnten Religionen konfessionsübergreifend eine friedensstiftende Aufgabe übernehmen?
BB: Religionen haben ja zwei Gesichter. Sie können auf der einen Seite die abgrenzenden und feindseligen Kräfte, die in jedem Menschen schlummern, bestärken und auf der anderen Seite aber auch einen wichtigen Beitrag zu Toleranz, Respekt, Anerkennung und Versöhnung leisten. Ich glaube, es liegt an uns, und es ist unsere Verantwortung, wie wir auch unseren eigenen tiefen Glauben, sei er jetzt evangelisch, katholisch, moslimisch oder jüdisch, für ein gutes Miteinander in einer pluralistischen Gesellschaft einbringen. Religionen lehren uns doch in jedem, auch gerade im Anderen, im Fremden, das Angesicht Gottes zu sehen. Und das kann ja nur eine Brücke sein, die zu Verständigung und Respekt führt. Und deswegen glaube ich, dass wir einen ganz wesentlichen Beitrag leisten können. Die Evangelischen Kirchen bemühen sich am Balkan – so klein sie dort auch sind – doch so etwas wie das Salz zu sein, das gegen den großen Trend der Feindseligkeit hier ein bisschen aufsteht, ein bisschen ankämpft.
F: Bei dem Massaker von Srebrenica spielte auch der religiöse Aspekt eine Rolle. Stichwort Toleranz. Wie erleben Sie den gegenwärtigen politischen Populismus hinsichtlich antiislamischer Stimmungsmache in Mitteleuropa, hier, wo der Islam immer wieder mit islamistischen Terrorgruppen in einen Topf geworfen wird. Wie stehen Sie als evangelischer Bischof dazu?
BB: Ich sehe meine Aufgabe, dass man erstens versucht zu unterscheiden: Was sind denn neben den religiösen die politischen Probleme, die sich natürlich durch Migrationsbewegungen ergeben? Es wäre ja blauäugig, davor die Augen zu verschließen. Das Zweite ist, dass man den Unterschied deutlich erkentt zwischen Kulturen, die die Menschen mitbringen. Das ist ja klar, wenn Menschen aus landwirtschaftlich geprägten, sehr stark patriarchalischen Gesellschaften kommen, dass sie sich in einem Europa von heute fremd fühlen und daher auch fremd verhalten. Und das Dritte ist der Aspekt des Glaubens und der Religion. Man kann es nicht trennen, aber man muss doch auch unterscheiden. Wir haben immer unsere Bedenken geäußert, wenn plötzlich religiöse Themen „Daham statt Islam“, „Pummerin statt Muezzin“ usw. auf Wahlplakaten erschienen. Da meinen wir: hier wird Religion missbraucht. Und die Religionen selbst, sowohl die Vertreter der Islamischen Glaubensgemeinschaft, der Kultusgemeinde, als auch der christlichen Kirchen haben sich immer dagegen verwahrt und haben gesagt, man kann die Religionen nicht für politische Zwecke instrumentalisieren. Dafür wollen wir uns einsetzen, und das sehe auch ich als meine Aufgabe in Österreich.
F: Jetzt noch zu Ihrer persönlichen Schuhspende. Sie setzen damit ja nicht nur einen symbolischen Akt sondern Sie haben Waldviertler gespendet, Schuhe, die ja eine ganz spezielle Konnotation haben.
BB: Für mich sind die Waldviertler -Schuhe nicht nur ein Stück Regionalität und Beheimatung, sondern sie sind auch von der ganzen Geschichte des Betriebes und der Philosophie her, die dahinter steht, ein Beispiel dafür, wie unter den heutigen Bedingungen gewirtschaftet werden kann, natürlich nicht paradiesisch, aber doch so, dass man es verantworten kann und ehrlicherweise vertreten kann. Außerdem sind es einfach großartige Schuhe, die einen ein Leben lang begleiten. Und jetzt hab ich mich das erste Mal von einem Paar getrennt – ich hab's für die Sache aber mit Überzeugung getan.
F: Was glauben Sie kann dieses Mahnmal bewirken?
BB: Wir brauchen Orte des Gedenkens – und die müssen ein Stück weit auch sichtbar sein. Das ist gar keine leichte Aufgabe, so was zu gestaltet und zu überlegen, wie man das macht. Wir wissen, dass sich um jedes Holocaust-Memorial riesige Diskussionen entspinnen, um Alfred Hrdlickas Mahnmal gegen Krieg und Faschismus gab es jahrelange Diskussionen. Und das ist wohl auch gut so. Es ist ein Zeichen, dass man damit auch etwas berührt, was die Menschen beschäftigt. In einer Zeit, die im Quartalstakt die Wirtschaftsdaten herausbringt, wo alles sofort weggeschmissen wird, ist es gleichzeitig notwendig und gut, dass das Gedächtnis bleibt. Die jüdische und die christliche Tradition leben davon, dass Gott gedenkt, dass wir Gottes gedenken und dass wir auch unserer Mitmenschen gedenken. Erst, wer vergessen wird, ist wirklich tot. Die Erinnerung schafft Erlösung, heißt es im Talmud an einer Stelle. Deswegen denke ich, dass das auch ein Beitrag der Erlösung sein soll. Die Opfer sind ermordet worden. Aber dass man ihnen gegenüber Respekt hat, den Hinterbliebenen so gut es geht Gerechtigkeit widerfahren lässt und besonders den Tätern vor einem Internationalen Gerichtshof Gerechtigkeit widerfahren lässt, das ist, glaube ich, was man mit dem Gedenken erreichen kann … und dazu gehört auch, dass man daraus eine Lehre zieht.
F: …einerseits ein Mahnmal gegen das Vergessen, andererseits aber auch für die neuen Generationen ein Denkanstoss für das, was damals passiert ist, weil viele sind ja sozusagen Nachgeborene…
BB: … genau. Die Erinnerung ist ja kurzlebig, sie verschwindet plötzlich, und man weiß gar nichts mehr darüber. Man verbindet plötzlich mit dem Namen Srebrenica nicht mehr diese Erinnerung. Insofern, glaube ich, ist es eine sehr gute Aktion dort eben kein Denkmal sondern ein Mahnmal zu errichten.
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