14.11.2011
Zwei Wochen vor den Parlamentswahlen in Ägypten nehmen in
Oberägypten Spannungen zwischen der Minderheit der Nubier und
Sicherheitskräften deutlich zu. Die Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) in
Göttingen berichtete am Montag, in der bei deutschen Touristen beliebten Stadt
Assuan sei am Samstagabend eine Ausgangssperre verhängt worden, um
Demonstrationen von Nubiern zu verhindern. Zuvor hatte sich die Polizei
Straßenschlachten mit aufgebrachten Demonstranten geliefert, die die
bedeutendste Straße entlang des Nils besetzt hatten. Die Sicherheitskräfte
beendeten die Aktion gewaltsam unter Einsatz von Schlagstöcken und Tränengas.
Unmittelbarer Anlass der Proteste war der Tod eines nubischen Fährmanns, der am
Samstag seinen schweren Verletzungen erlag. Der Nubier war nach einem
Wortwechsel am 6. November von einem Polizisten niedergeschossen worden.
Dies war bereits der dritte Zwischenfall innerhalb weniger Wochen, bei dem ein
Nubier von Polizisten willkürlich getötet wurde.
Seit dem Sturz von Hosni Mubarak am 25. Januar 2011
eskalieren nach GfbV-Angaben die seit langem bestehenden Spannungen in
Oberägypten.
Die Nubier, die unter dem Regime des Diktators ihre
Kritik an ihrer Zwangsumsiedlung zum Bau des Assuan-Staudammes nicht öffentlich
äußern konnten, fordern ihre Rechte immer massiver ein. So setzten Ende August
2011 Demonstranten sogar den Amtssitz des Gouverneurs in Assuan in Brand.
Die Nubier verlangen, dass sie als eine der ältesten
Kulturen und Völker Ägyptens anerkannt werden. Sie empfinden es als bittere
Ironie der Geschichte, dass sie heute verelendet sind und als Bürger zweiter
Klasse behandelt werden, während andere Ägypter ausländische Urlauber durch die
Wirkungsstätten der Pharaonen führen und ihnen die Jahrtausende alte Hochkultur
der früheren Herrscher des Nahen Ostens erläutern. Seit Jahren strömen
verstärkt Arbeitssuchende aus den verarmten Provinzen in Oberägypten in die
Touristenregion. Die Zugewanderten kontrollieren rund
75 Prozent des Wirtschaftslebens in Assuan. Für die
indigenen Nubier bieten sich da nur noch wenig Perspektiven. In der Region
Assuan leben rund 1,5 Millionen Nubier, etwa 500.000 haben sich in den größeren
Städten des Landes angesiedelt. Viele Nubier wollen in ihre alten
Siedlungsgebiete entlang des Nils zurückkehren.
Dreimal innerhalb von 60 Jahren wurden die in Ägypten
lebenden Nubier für den Bau von Staudämmen zwangsumgesiedelt. Im September 2011
hat ihnen Premierminister Essam Sharaf zugesichert, ihnen die Rückkehr auf ihr
altes Land entlang des Nils zu gestatten. Doch auch diese Zusage hat die
Unruhen nicht nachhaltig eindämmen können.
Ulrich Delius ist zu erreichen unter Tel. 0160 / 95 67 14
03.
Gesellschaft fuer bedrohte Voelker e.V. (GfbV)
Pressereferat Postfach 2024, D-37010 Goettingen Tel.+49/551/49906-25,
Fax:++49/551/58028
E-Mail: presse@gfbv.de,
Homepage:http://www.gfbv.de