07.09.2011
Unter Libyens Tuareg wächst die Angst vor neuer
Ausgrenzung und Diskriminierung nach dem Sturz des Gaddafi-Regimes. Die
Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) berichtete,
dass rund 500 Tuareg aus der Region Ghadames im Südwesten Libyens in den
vergangenen Tagen im Nachbarland Algerien Schutz und Zuflucht gesucht haben.
Außerdem warne die "Koordination der Tuareg in Libyen" vor
Übergriffen und bezeichne die Lage der Indigenen im Land als
"katastrophal". Der GfbV-Afrikareferent Ulrich Delius warnte:
"Es ist fatal für die Tuareg, dass sie pauschal als Gefolgsleute Gaddafis
dargestellt werden und ihnen sogar eine führende Rolle bei der Flucht des
Diktators beigemessen wird. Damit wird einerseits ihr politischer Einfluss in
Nordwestafrika überschätzt und gleichzeitig die Vielfalt der Tuareg- Bewegung
ignoriert. Denn auch Repräsentanten der 600.000 in Libyen lebenden Tuareg
wurden von Gaddafis Schergen bedroht und mussten deshalb das Land
verlassen."
Delius befürchtet, dass die Tuareg wieder einmal zu den
großen Verlierern des Umbruchs in Nordafrika werden. Weil Gaddafi seit Beginn
der 90er- Jahre Tuareg-Freiheitsbewegungen im Norden Malis und Nigers
unterstützte und aus diesem Kreis nun auch Söldner anwarb, um die
Aufständischen in seinem Land zu bekämpfen, werden alle Tuareg kollektiv für
"Anhänger des Diktators" gehalten. "Dabei haben die meisten der
in Libyen lebenden Tuareg nichts mit diesen Söldnern zu tun und standen Gaddafi
kritisch gegenüber, weil er die Existenz nicht-arabischer Völker in Nordafrika
lange Zeit leugnete", sagte der Menschenrechtler. Nach Libyen kamen die
meisten Tuareg auf der Suche nach Arbeit, nachdem die Dürrekatastrophen in der
Sahelzone in den 70er-Jahren ihre Viehherden und wirtschaftliche Existenz
vernichtet hatten.
Zudem waren die Tuareg-Kämpfer in Mali und Niger niemals
besonders enge Gefolgsleute Gaddafis. "Der Diktator instrumentalisierte
die Tuareg genauso wie Freiheitsbewegungen im Tschad, Sudan und anderen
Staaten, um Afrika zu destabilisieren", berichtete Delius. "Mehrfach
hat Gaddafi ihnen die Unterstützung entzogen, wenn es ihm opportun
erschien." Nun zu vermuten, dass die Tuareg Gaddafi Asyl vermitteln
würden, sei unrealistisch. Denn in keinem Staat Nordwestafrikas haben die
Tuareg so eine Machtposition, um Schutz für den ungeliebten Diktator zu
gewährleisten. "Sie sind selber in diesen Ländern in einer äußerst
schwierigen Situation und dafür ist Gaddafi maßgeblich verantwortlich."
Der Umbruch in Libyen trifft die Tuareg zu einem
schwierigen Zeitpunkt. Denn seit der weltweite Kampf gegen den Terrorismus sich
auch gegen "El Kaida im Maghreb" (AQMI) richtet, leiden sie unter der
Militarisierung der Sahara. So ist der Tourismus zusammengebrochen, der als
wirtschaftlich wichtige Einnahmequelle der Tuareg gilt.
Ulrich Delius ist zu erreichen unter Tel. 0160 / 95 67 14
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