04.08.2011
Für die Nutzung von Wasserkraft droht
mehreren zehntausend Indigenen in Asien, Afrika und Südamerika die zwangsweise
Umsiedlung und Entwurzelung. Die GfbV weist anlässlich des internationalen
Tages der indigenen Völker (am 9. August) darauf hin, dass Jäger und Sammler,
Hirten, Fischer und Kleinbauern durch die Errichtung von Staudämmen und die
anschließende Überflutung ihres Landes die Existenzgrundlage verlieren und mit
großer Wahrscheinlichkeit ins Elend getrieben werden. „Chin, Shan und Karen in
Burma, Adivasi in Indien, Himba in Namibia, Mursi und Kara in
Äthiopien, Turkana in Kenia, Mapuche in Chile, Aymara und Ashaninka in Peru
oder in freiwilliger Isolation lebende Indianer in Brasilien werden Opfer des
Raubbaus an Natur und Mensch“, warnen die GfbV-Referenten Yvonne Bangert und
Ulrich Delius. Weltweit gibt es
rund 6.500 indigene Gemeinschaften mit mindestens 370 Millionen Angehörigen.
„Oft wird die Wasserkraft als beispielhafte
Nutzung erneuerbarer, sauberer Energie gepriesen“, berichtet Yvonne Bangert.
„Doch die Errichtung von Großstaudämmen verletzt in vielen Fällen massiv die
Menschenrechte.
Außerdem setzen Stauseen durch verrottende
organische Substanzen vor allem in den Tropen wesentlich mehr Treibhausgase
frei als Kohle- oder Gaskraftwerke und schaden deshalb dem Klima.“
Mehrere indianische Gemeinschaften in
Südamerika laufen zurzeit Sturm gegen die Errichtung von Großstaudämmen. Die
Mapuche in Chile wollen nicht zulassen, dass eine Trasse von 60 Meter hohen
Strommasten 25 ihrer Gemeinden durchschneidet, um die an fünf Staudämmen
erzeugte Energie abzutransportieren. In Brasilien laufen die Vorbereitungen für
den Bau des drittgrößten Staudammes der Welt, den Belo Monte, am Xingu-Fluss im
Amazonasregenwald gegen den Widerstand der indianischen und nichtindianischen
FlussanrainerInnen. 688 Quadratkilometer sollen unter Wasser gesetzt werden.
Bisher unkontaktierte Indigene, die in freiwilliger Isolation leben und in der
Nähe beobachtet wurden, bringt der Damm in Lebensgefahr. In Peru sollten die
BewohnerInnen von 70 Aymara- und mindestens zehn Ashaninka-Dörfern zwangsumgesiedelt
werden, damit Flüsse zur Stromerzeugung für Brasilien aufgestaut werden
könnten. Diese Projekte liegen nach heftigen Protesten gegen den drohenden
Verlust von Anbauflächen und angestammtem Land nun auf Eis.
In Afrika kämpfen die 18.000 Himba im
Norden Namibia seit 15 Jahren gegen die Aufstauung des Kunene-Flusses. Sie
wollen ihre traditionelle Lebensweise nicht aufgeben und haben ihre
RepräsentantInnen zu Investoren bis nach Europa entsandt, um die Vergabe von
Geldern an das umstrittene Großprojekt zu verhindern. Bislang mit Erfolg. In
Äthiopien sind 10.000 Mursi und 1.500 Kara sowie 180.000 weitere Angehörige
indigener Völker am Omo-Fluss vom Gibe-3-Projekt betroffen. Sie könnten von
internationaler Nahrungsmittelhilfe abhängig werden, denn 211 Quadratkilometer
Land sollen zur Energiegewinnung und für neue Entwicklungsprojekte geflutet
werden. Nach Errichtung des Staudamms wird es keinen Flussschlamm mehr geben,
auf dem die dort lebenden Gemeinschaften ihre Nahrungspflanzen
anbauen. Auch unter den Turkana-Nomaden im benachbarten Kenia löst Gibe-3 große
Ängste aus. Denn durch die Stauung des Omo wird der Wasserstand des
Turkana-Sees, an dem rund 300.000 Menschen leben, sinken und traditionelle
Fischersiedlungen werden plötzlich weit im Landesinneren liegen. Konflikte um
den Zugang zu Brunnen und Weideland wären vorprogrammiert.
In Indien leiden 95 Millionen Adivasi schon
seit Jahrzehnten unter den Folgen der mehr als 4.300 Staudämme. 300 sind allein
in den vergangenen zehn Jahren entstanden. Mindestens 38.000 Quadratkilometer
Land wurden geflutet und mehrere Millionen Indigene umgesiedelt.
Aktuell droht durch das
Polavaram-Großprojekt am Godavari-Fluss rund 300.000 Menschen die
Zwangsumsiedlung, darunter 150.000 Adivasi. Im Nordosten Indiens sind
mindestens 168 Staudämme in Planung. Dort leben so viele indigene
Gemeinschaften wie in kaum einer anderen Region der Welt. Dramatisch ist auch
die Lage vieler Indigener in Burma. Ihnen droht die Vertreibung, denn dort
plant China für preiswerten Strom den Bau von mehr als 40 Staudämmen. Im
Kachin-Staat schüren die von China geplanten Projekte den Krieg der burmesischen
Armee mit der eigenen Minderheit.
Quelle: Pressemitteilung der GfbV vom 4.
August 2011